• vom 26.05.2013, 09:00 Uhr

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Moderner "Kepos"




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Von Matthias G. Bernold

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Am Bahnhof Köln ist die Wandlung bereits vollzogen: Aus öffentlichem Raum wurde eine Kommerz-Zone. Der Bahnhof ist in eine Art Food Court nach US-amerikanischem Vorbild umgebaut. In einen Fress-Hof, wie man ihn hierzulande aus Einkaufszentren und Kino-Komplexen kennt, eine Ansammlung von Pizza-Ständen, Nudelküchen, Sandwich-Hütten und Kaffee-Bars, die eines gemeinsam haben: Nirgendwo kann man einfach nur sitzen, ohne zu bezahlen.

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Epikur kam im Jahr 306 v. Chr. nach Athen, um dort ein Grundstück zu erwerben, wo er seinen Kepos (Garten) errichtete. Diese seine Einrichtung stand, im Gegensatz zu den elitären philosophischen Schulen, auch Ehepaaren, Frauen, Sklaven und Mittellosen offen. Wie es heißt, lebte Epikur dort mit seinen Anhängern zusammen, diskutierte, dachte nach und genoss die einfachen Freuden des Lebens.

Schwer zu sagen, wie es im Kepos tatsächlich zuging. Es war ja keiner dabei, der seine Eindrücke filmen und auf Youtube hätte stellen können. Ich glaube allerdings, dass es ein bisschen wie im Wiener Augarten gewesen sein muss: Die Leute kamen von überall her, Reiche, Arme, Junge, Alte, Eltern mit ihren Kindern. Sie setzten sich ins Gras oder spielten Ball. Eine legte sich in den Schatten einer Zypresse und blickte hinauf, wo Singvögel um die Liebe buhlten. Ein Anderer hatte eine Amphore Wein dabei oder klopfte einen antiken Schlager in die Leier.

Kepos - das stell’ ich mir als ziemlich guten Ort vor, wo der Mensch der Hektik der Stadt entgehen konnte. Wo er nicht konsumieren musste und frei war. Als einen solchen Ort habe ich den Augarten in den vergangenen Jahren erlebt. Weder lassen die Leute hier ihren Dreck zurück, noch zerstören sie Pflanzen und Natur, raufen, grölen oder geraten in Raufhandel. Warum es nun auf einmal eines privaten Security-Dienstes bedarf, diesen Park zu regulieren und zu beschränken, erschließt sich mir nicht.

Die Burghauptmannschaft, die den Augarten verwaltet, wäre gut beraten, nicht auf die Einhaltung irgendwelcher Regulative zu pochen, sondern den Garten im Sinne seiner Nutzer weiterzuentwickeln. Eine Laufbahn mit knie-schonendem Belag etwa (wie in vielen Parks in Mexiko City) wäre eine kluge Innovation: Sie würde auch die Läufer davon abhalten, Pfade in die Wiese zu schneiden. Billiger als der Erhalt von Blumenbeeten oder die Honorare für Privat-Sheriffs wäre so eine Maßnahme vermutlich allemal.

Statt steriler Schaugärten brauchen Städte Lebensfläche, die sich an den Bedürfnissen der Bürger orientiert. Nicht überwachte Fress- Höfe wie in Köln sollten Modell stehen für die Weiterentwicklung unserer Stadt. Sondern Orte wie der Augarten, als moderner Kepos, wo Leben in der Stadt und Leben in der Natur zusammenfinden.

Matthias G. Bernold, geb. 1975, lebt als Journalist in Wien.




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Dokument erstellt am 2013-05-23 16:26:02



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