• vom 28.05.2013, 17:21 Uhr

Glossen


Sedlaczek

Die Verbesserung des Abendlandes




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Wie lautet Friedrich Torbergs berühmter Spruch "Gott soll einen hüten
  • vor allem, was noch ein Glück ist" im Original?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Wo das Jiddische und das Deutsche ineinander übergehen, kommt es manchmal zu Verwerfungen sprachlicher Natur. Im Zuge der Recherche für mein Buch "Die Tante Jolesch und ihre Zeit" habe ich Friedrich Torbergs Korrespondenz in der Handschriftenabteilung der Nationalbibliothek eingesehen. In seinen Briefen aus den Vierzigerjahren findet man bereits jene berühmten Sprüche, die uns als ein Symbol für das "untergegangene Abendland" erscheinen.

Der wohl bekannteste Spruch lautet: "Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist." So steht es in Torbergs Buch "Die Tante Jolesch". Auch in Briefen an Zeitgenossen hat er die Phrase in dieser Form verwendet. Sie ist wohl deshalb so beliebt, weil sie einen hohen Gebrauchswert hat. Wann immer einem ein Unheil widerfährt, kann man sich damit trösten: Es hätte noch schlimmer kommen können. Das Schlimmste ist immer der Tod, und wer tot ist, räsoniert nicht mehr.

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Vor kurzem las ich bei Otto Ranftl in der Tageszeitung "Der Standard", dass der Spruch in seiner Urfassung anders gelautet habe: "Gott möge abhüten von allem, was noch ein Glück ist." Statt "hüten" steht also "abhüten". Ich habe im Internet recherchiert, wie Journalisten mit der Phrase umgehen. In den Archiven einiger Tagezeitungen konnte ich dieselbe, vom Torberg’schen Original abweichende Formulierung finden, meist mit dem inhaltlich falschen Nachsatz: "... sagte Torbergs berühmte Tante Jolesch."

Das schreit nach Aufklärung, deshalb befragte ich Thomas Soxberger. Er ist Schriftsteller, Judaist und Übersetzer aus dem Jiddischen - eine kompetente Auskunftsperson also. Soxberger wies mich darauf hin, dass "abhüten" in diesem Fall ganz eindeutig kein deutsches Wort ist, sondern verdeutschtes Jiddisch. Es gibt zwar "abhüten" im Grimmschen Wörterbuch, aber das ist ein anderes Wort - mit der Bedeutung "abweiden lassen".

Hinter der von Torberg popularisierten Phrase steht ein jiddisches "ophitn" mit der Grundbedeutung bewahren. Meist wird es als Ausruf verwendet: "Got sol ophitn!" Wird ein ganzer Satz formuliert, so kann er auf Jiddisch lauten: "Got sol ophitn fun alz, vos is noch a glik." Oder: "Got sol ophitn fun alem, vos hejst noch a glik."

Es gibt also Journalisten, die zu wissen glauben, dass die Tante Jolesch stärker gejüdelt habe.

Deshalb ersetzen sie "hüten" durch "abhüten" und verschieben auch

den Sprachduktus ein wenig ins Jiddische.

Aber jeder Schriftsteller, auch Friedrich Torberg, hat das Recht, dass aus seinen Werken korrekt zitiert wird - und dass

seine Figuren nicht willkürlich verändert werden.

Im speziellen Fall bin ich auch

einer Meinung mit David Axmann, Torbergs Biograf und Nachlassverwalter. Er weist darauf hin, dass Torberg in seinem Buch ohnedies eine Antwort auf unsere Frage gibt. Die Tante Jolesch bewahrte nur noch "Reste des einstmals im Ghetto gesprochenen Judendeutsch auf",

sie bediente sich "jenes lässigen, anheimelnden, regional gefärbten Jargons", der "vom richtigen ‚Jiddisch‘ weit entfernt war".




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Dokument erstellt am 2013-05-28 17:26:03



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