• vom 09.07.2013, 16:34 Uhr

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Update: 09.07.2013, 16:42 Uhr

Linguistik

Wie viel Etymologie braucht der Mensch?




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Manchmal scheint die Wortherkunft in der Schreibung stark durch, manchmal ist sie kaum zu erkennen. Das ist Anlass für heftige Diskussionen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Dass man seit der Rechtschreibreform Gemse mit ä schreiben muss, hat viele verärgert. Das sei inkonsequent. Einmal werde ein e, weil es vom a stammt, als ä geschrieben, ein anderes Mal nicht. Eltern komme ja gewiss von alt und werde nicht Ältern geschrieben. Ente komme von mittelhochdeutsch ant und die Bauern sagen Antn. Und doch dürfe man nicht Änte schreiben.

Es geht um Streitfälle der Rechtschreibung und um eine interessante Frage: Wie stark soll dem etymologischen Schreibprinzip zum Durchbruch verholfen werden? Hermann Möcker, ein Mitarbeiter am "Österreichischen Wörterbuch", hat sich in einem beachtenswerten Aufsatz in der sprachwissenschaftlichen Zeitschrift "tribüne" (3/2013) damit beschäftigt. Er analysierte die Herkunft und Schreibung von mehr als 200 strittigen Wörtern, darunter Gämse, Eltern und Ente.

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Vorneweg die Conclusio: Die drei Wörter sind nicht vergleichbar. Gämse geht auf spätlateinisch camox zurück, es hat im Althochdeutschen ein a, im Mittelhochdeutschen ein e. Dieses hat sich in unsere Zeit hinübergerettet: Gemse. Eine Variante mit a hat sich jedoch in den Mundarten gehalten - man denke an das Lied "Die Gamserln schwarz und braun . . ." Formen mit a haben sich auch in der Fachsprache durchgesetzt: Gamswild, Gamsräude, Gamsbart. Die Gemse ist also aus der Reihe getanzt, weg mit ihr.

Anders gelagert ist der Fall bei Eltern. Hier handelt es sich um einen substantivierten Komparativ von alt. Sowohl im Althochdeutschen als auch im Mittelhochdeutschen gibt es Formen mit a und mit e. Später hat sich das e durchgesetzt, denn Eltern müssen nicht alt sein. Es gibt also keinen Grund, Ältern zu schreiben.

Die Ente geht auf ein althochdeutsches anut zurück, im Mittelhochdeutschen wurde daraus der ant - ein Maskulinum, Mehrzahl diu ente. Weil diese Tiere meist in Gruppen in Erscheinung treten, hat man eine neue Einzahlform gebildet, die feminin war: die Ente. Wenn auch mundartlich "die Antn" dominiert, so hat diese Form keinen Niederschlag in einer Fachsprache gefunden. Es war also richtig, bei der Ente zu bleiben.

Gut und richtig waren auch die neuen Schreibungen von behände (zu Hand) und überschwänglich (zu Überschwang), aber Möcker möchte nicht den Eindruck erwecken, dass er die Rechtschreibreform generell für gut heißt. Es gibt zu viele Beispiele, die einem am Verstand der Reformer zweifeln lassen.

Was für einen Sinn hat es, dass nun sowohl aufwändig (zu Aufwand) als auch aufwendig (zu aufwenden) zugelassen ist? Das stiftet nur Verwirrung. In den sprachlichen Auskunfteien gibt es Unmengen an Anfragen, ob jetzt auch aufwänden, Aufwändungen, einwänden und Einwändungen zulässig seien. Die Antwort lautet vier Mal nein. Es wurde auch die Chance vertan, zwischen herschenken (hergeben) und einschänken (Ableitung von Schank) zu unterscheiden. Möcker empfiehlt, das gesamte Wortfeld rund um Schank mit ä zu schreiben, also auch Heurigenschänke. Die Zeitschrift ist übrigens bestellbar beim LIT-Verlag.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2013-07-09 16:38:11
Letzte ńnderung am 2013-07-09 16:42:43



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