• vom 28.10.2013, 16:58 Uhr

Glossen

Update: 28.10.2013, 17:10 Uhr

Sprachschätze

Gläubig, auch ohne es zu wissen




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Von Hilde Weiss

  • Sprachschätze
  • Reine Glaubenssache: Man glaubt viel mehr, als man meint - auch unser Wortschatz legt diese Vermutung nahe.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen. Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Aus sprachlicher Sicht ist vieles eine Frage des Glaubens. Ein paar Beispiele aus ganz unterschiedlichen Bereichen. So kommt die Räson vom lateinischen Verb reri für glauben, meinen, urteilen, das auch zum Rationalen führt und zur Ration. Nicht nur vermeintlich, was vom alten Verb vermeinen für fest glauben kommt.


Perfid - hier hat man es mit dem lateinischen Verb fidere für glauben, trauen zu tun, das auch zum Föderalismus führt, zum Fidelen und zur Hi-Fi-Anlage, mit "hoher Treue" (Klangtreue). Im Kredit steckt das lateinische Verb credere für glauben, vertrauen und im Konkurs, "dem Zusammenkommen" der Gläubiger, der Kreditoren, das lateinische Verb concurrere für zusammenlaufen.

Vitamine, vom lateinischen Verb vivere für leben, führen zum Glauben, dass alle Vitamine Amine sind. Der Argwohn, zusammengesetzt aus den althochdeutschen Wörtern arg und wan, erklärt sich aus der alten Bedeutung des Wahns als Vermutung, Annahme. Und den Aberglauben, früher auch Missglaube genannt, gibt es wegen der Bedeutungsentwicklung von danach, wieder, zurück und hinter zu schlecht, verkehrt, auch erhalten im Aberwitz, "dem Irrwitz".

Der Denkzettel hat ebenfalls mit Glauben zu tun: Luther verwendete das Wort als Übersetzung des jüdischen Gebetsriemens mit Gesetzessprüchen und als Ausdruck für Merkblatt. Und der Beruf, ursprünglich ein Wort für Leumund, "auf den man sich beruft", ist seit Luthers Bibelübersetzung eine Berufung (durch Gott), dann auch durch weltliche Instanzen.

Ein Ausflug war ursprünglich das Ausfliegen der Vögel, Luther übertrug das Bild auf Menschen. Auch die Kröte, anfangs kreta, krota, krote, krotte, krete, verdankt ihre heutige Form Luther. Die Schleife, früher schläufe und schlaufe, geht ebenfalls auf Luther zurück. Und Lager, ursprünglich "Leger" (von liegen), war zuerst Mundart: Luther machte es durch seinen Glauben, dass es die bessere Form ist, zur Schriftsprache. Manche Krankheits- und Heilkräuternamen haben ebenfalls mit Glauben zu tun, mit Volksglauben. Der Beifuß zum Beispiel, in dessen Namen pipoz kein Fuß steckt, sondern - gedeutet als "der Geister zurückschlägt" -

ein altes Verb für schlagen, stoßen. Dann setzte sich ein anderer Glaube durch, der zu seinem heutigen Namen führt, nämlich dass Beifuß, auf Füße oder Beine gebunden, gegen Ermüdung hilft. Und Influenza, vom lateinischen Verb influere für hineinfließen, heißt "der Einfluss" (der Sterne).

Es faustdick hinter den Ohren haben, das kommt, wie man früher glaubte, von jenen Dämonen, die Menschen, erkennbar an dicken Wülsten hinter den Ohren, gerissen machen. Und einen Vogel haben heißt, dass sich - laut altem Volksglauben - einer im Gehirn eingenistet hat. Andere haben Grillen, die einem, wie man früher glaubte, ins Gehirn kriechen. Beglaubigt, das kommt vom alten Verb beglauben für den Glauben stärken, zum Glauben bringen. Oder bloße Annahme - von annehmen, "an sich nehmen", auch im übertragenen Sinn.




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Dokument erstellt am 2013-10-28 17:03:05
Letzte Änderung am 2013-10-28 17:10:14



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