• vom 21.12.2013, 10:00 Uhr

Glossen


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Wirkung der Gabe




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Von Matthias G. Bernold

  • nah & fern

Letztes Jahr um diese Zeit war ich nicht in Wien. Statt Kälte gab es karibisches Klima, und meine Beine waren umwallt von Leinenhosen in Weiß. Am Weihnachtsabend stand ich mit zwei Freunden im Sand und blickte nordwärts, während mir der Atlantik ins Gesicht atmete. Fern der Heimat standen wir drei an der Playa de Jibacoa wie ein Bollwerk der Freundschaft. Wir umfingen, umarmten, rührten einander. Unsere Zuneigung in diesem Augenblick war so wahrhaftig wie das Meer. Dann fragte einer: "Und wo sind meine Geschenke?" Und wir anderen hatten keine dabei. So begannen wir zu streiten.


Mit dem Schenken ist es nämlich so eine Sache. Viele von uns gefallen sich in post-konsumistischer, post-materialistischer Attitüde. Als Nachfolger der Aufbaugeneration stolz darauf, nicht mehr nach materiellem Wachstum zu streben. Sondern nach Sinn und einem Leben im Einklang mit dem Leben. Statt Firlefanz schenken wir Zeit und offene Ohren.

Wenn dann aber einer, der ein Jahr lang auf der Suche nach Sinn und offenen Ohren durch die Welt streunte, zwei Päckchen hervorkramt. Und wenn er diese den zwei Freunden - und seien sie auch überzeugte Post-Materialisten - in die Hand drückt und dazu sagt: "Das hab ich euch zwei Deppen aus Mexiko mitgebracht." Dann erzeugt dies neben der Freude über die Lucha Libre-Masken vor allem eines: Druck. Stand ich doch mit leeren Händen da, fühlte mich jämmerlich und schuldig: War mir seine Freundschaft, die uns immerhin um die halbe Welt geführt hatte, nicht einmal ein Geschenk wert?

Wie ein erzählter Witz nach der Pointe ein Vakuum hinterlässt, das nur ein weiterer erzählter Witz zu füllen vermag, hinterlässt auch ein Geschenk nach Übergabe Leere, die nach einem Rück-Geschenk verlangt. Eine Gesetzmäßigkeit, deren Mysterium im vergangenen Jahrhundert der französische Anthropologe Marcel Mauss zu ergründen suchte. Die Antwort, so folgerte Mauss, der die Geschenkkultur verschiedener Völker studierte, gründe darin, dass sich in der Gabe Person und Sachen mischen: Wer schenkt, der schenkt auch sich. Wer annimmt, der nimmt nicht nur den Firlefanz, sondern auch ein Stück der Person des Schenkenden an. Die Gabe, so vordergründig unentgeltlich sie auch daherkomme, erzeuge in Wirklichkeit Zwang und Schuld.

Am Strand von Jibacoa standen wir im Kreis, als unsere Freundschaft durch das Wesen der Gabe Schaden nahm. Wir diskutierten eine Zeitlang. Schwiegen. Dann tranken wir. Allmählich verschluckte das Meer in seiner Größe den Streit. Die Wirkung der Gabe blieb jedoch bestehen. Erst mit dem Heimflug nach Wien verflog der letzte Rest von Schuld. Während der Gepäckkontrolle stahl irgendwer die Maske aus meinem Koffer. Ich war wieder frei.

Matthias G. Bernold, geb. 1975, lebt als Journalist in Wien.




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Dokument erstellt am 2013-12-19 12:17:02
Letzte Änderung am 2013-12-19 12:50:03



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