• vom 25.01.2014, 10:00 Uhr

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Das bayerische Idiom




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Von Hans-Paul Nosko


    Vor einigen Tagen ging eine Meldung durch die Medien, wonach bayerischen Kindern spezieller Unterricht in ihrem heimatlichen Idiom angeboten wird; dieses sei nämlich in Gefahr, allmählich außer Gebrauch zu kommen. Vor allem in München würden viele Eltern ihre Kinder zur Verwendung der Hochsprache anhalten aus Angst, die Kleinen würden wegen ihres Dialekts von Klassenkollegen aus Norddeutschland als ungebildet angesehen.

    Die Befürchtung stimmt. Und zwar nicht erst seit gestern, wie ich selbst erfahren durfte. Es war Ende der Achtziger Jahre, und ich hielt mich für ein paar Tage in Hamburg auf, um für eine Reportage über die Hausbesetzerszene in der Hafenstraße zu recherchieren. An einem der Abende bummelte ich durch die Stadt und landete vor dem legendären UFA-Palast. Als passionierter Kinogeher hatte ich gehört, dass er angeblich sechzehn Vorführsäle beherbergte. Um diese Zahl entsprechend einordnen zu können: Das damals größte Kino Wiens, das Colosseum-Kino auf der Nußdorferstraße, verfügte über sieben Säle. Und bereits das galt als Monstrum.


    Ich stehe also vor dem riesigen Hamburger Lichtspieltheater, blicke auf die Anzeigetafeln - und entdecke, dass dort nur acht Filmtitel annonciert sind. Es ist zwar bereits dunkel, aber ich glaube, die Leuchtschriften gut auszunehmen und schließe: Acht Filme, macht acht Kinosäle. Das rückt die Sache wieder in einigermaßen menschliche Dimensionen, denke ich erleichtert.

    Da gerade eine Vorstellung zu Ende gegangen ist, beschließe ich, auf Nummer Sicher zu gehen. Ich spreche einen jungen Mann an, der aus dem Kino kommt, und frage ihn, ob dieses nun acht oder doch sechzehn Säle habe. Er sieht mich amüsiert an, dreht sich hierauf zur Anzeigetafel um und sagt: "Also wenn ich da so hinauf kucke, dann würde ich meinen, es sind sechzehn."

    Na, gut. Dann eben sechzehn. Den leicht spöttischen Ton überhöre ich und will mich verabschieden, als mein Gegenüber nun seinerseits eine Frage stellt: "Kommst du aus Bayern?"

    Aus der sicheren Entfernung eines Hamburgers klingt ein dezentes Wienerisch auch heute noch ein wenig nach Bayerisch. Einerseits. In der Frage schwang allerdings auch das Bild mit: Der arme Älpler, der noch nie ein Kino gesehen hat, das größer ist als die Schuhschachtel in seinem Kuhdorf!

    Ich antwortete wahrheitsgemäß: "Nein, ich komme aus Wien." Darauf der Hamburger bestürzt: "Oh, Entschuldigung." Das hieß übersetzt: Wien ist eine Kulturstadt; die Verdächtigung, der Fragende könne irgendwo aus Bayern stammen, daher ein Affront.

    Ich habe damals aus dieser kurzen Konversation viel gelernt. Ein bisschen kann ich die bayerischen Eltern verstehen. Übrigens: An der Stelle des UFA-Palasts stehen heute Eigentumswohnungen, im Colosseum-Kino ist ein Hofer-Markt eingezogen.

    Hans-Paul Nosko ist Journalist und lebt in Wien.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2014-01-23 20:44:02
    Letzte Änderung am 2014-01-24 12:25:05



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