• vom 22.03.2014, 14:00 Uhr

Glossen


Glossen

Klima als Glaubensfrage




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Irene Prugger


    Kaum ein Small Talk kommt ohne Wetterphänomene aus. Meistens kann man sich dialogisch ja sehr gut aufwärmen, redet man mit Menschen, die man gerade kennenzulernen im Begriff ist, über grauslich kaltes Wetter. Glossen übers Wetter gehen allerdings meistens schief. Würde man sich als Kolumnistin darüber auslassen, dass der vergangene österreichische Winter unglaublich mild war - laut Zen- tralanstalt für Meteorologie und Geodynamik reiht er sich in der 247-jährigen Messgeschichte an die zweite Stelle der wärmsten kalten Jahreszeiten - und würde man dazu die milden Frühlingstage preisen, liefe man Gefahr, dass es am Tag des Erscheinens der Glosse heftig schneit und der Frühling mit Frostbeulen grüßt.

    Werbung

    Was liegt daher näher als - statt übers Wetter - übers Klima zu schreiben, also über die Gesamtheit der Wetterzustände, die uns so große Sorgen machen. Das ist sogar cool betrachtet immer ein heißes Thema, um nicht zu sagen eine Glaubensfrage. Im klimareligiösen Kontext dominieren drei Gruppen: die Pessimisten (Steigerungsstufe: Alarmisten), die Optimisten (Steigerungsstufe: Klimawandelleugner) und jene, die sich selbst als "Klima-Realisten" bezeichnen und damit so etwas wie gültige Wahrheiten für sich beanspruchen. Aber das tun ja zumeist auch die Pessimisten und die Optimisten. Wenn sie nicht gerade behaupten, sie selbst hätten Recht, behaupten sie zumindest, die anderen hätten Unrecht oder bewiesen sei noch nichts.

    Hat man zum Thema Erderwärmung und "Klimawandlung", zu deren Dynamik und genauen Ursachen indes keine ausgegorene Meinung hat, kommt man sich vor wie ein zweifelnder Atheist, der die Gnade der Einsicht ersehnt, damit er endlich auch von Herzen glauben darf. Für mich, die ich bei diesem Thema eher zu den unwissenden Pessimisten und mitunter sogar den Alarmisten gehöre und deshalb gern den vorsichtig abwägenden Wissenschaftern zuhöre, ist der Klimazwiebel-Blog (http://klimazwiebel.blogspot.co.at) des deutschen Klimaforschers und Meteorologen Hans von Storch - er ist Autor des Buches "Die Klimafalle" und seiner Selbst-Definition gemäß ein "Klima-Realist" - eine durchaus erhellende Lektüre.

    Sich auf diesem Blog darüber zu informieren, auf welchem Stand die Klimadiskussion gerade ist, kann nicht schaden, weder dem Weltklima noch der persönlichen Gestimmtheit. Denn besser noch als die diversen Klimamodelle kann man dabei die Diskussionsmodelle verfolgen: Wie schwierig es selbst für Fachleute ist, einem derart komplexen Thema gerecht zu werden, und wie sorgfältig und bedachtsam die Worte gewählt werden müssen, um nichts Falsches zu sagen oder missinterpretiert zu werden. Das bringt Erleichterung, nicht weil die gemäßigten Blogger dort überwiegen, sondern weil man es selbst einfach gar nicht wissen kann. Das Klimasystem der Erde ist kompliziert. Darüber Reden und Schreiben erst recht.

    Irene Prugger, geboren 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol.




    Schlagwörter

    Glossen, Diarium, Klimawandel, Wetter, Extra

    3 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2014-03-20 18:56:02
    Letzte ─nderung am 2014-03-21 13:01:49



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Textile Ich-Botschaften
    2. Werden Flugpassagiere in Zukunft Windeln tragen müssen?
    3. Solange man noch die Wahl hat
    4. Wie man Wiener wird
    5. Fuchs und Katz
    Meistkommentiert
    1. Fairtrade, aber bitte ohne i (ist billiger)
    2. Solange man noch die Wahl hat
    3. Was man gegen Fake News unternehmen kann
    4. Boing Boom Tschak in 3-D
    5. Werden Flugpassagiere in Zukunft Windeln tragen müssen?

    Werbung




    Werbung