• vom 24.05.2014, 10:00 Uhr

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Tinder-Frauen




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Von Matthias G. Bernold


    Mein alter Lateinlehrer war ein Fuchs. Mit dem Versprechen, bald Ovids Liebeskunst übersetzen zu dürfen, lockte er uns bis in die achte Klasse. Was ich bis heute nicht bereut habe, liegt doch Publius Ovidius Naso mit vielen seiner Ratschläge zu Balzverhalten, Liebesspiel und Kennenlernen goldrichtig.

    Interessant zu wissen wäre freilich, wie der antike Lebensberater die Online-Kontaktbörse Tinder gesehen hätte, die sich dieser Tage wie ein Grippe-Virus unter meinen Bekannten verbreitet. Während ich früher in der Runde gleichgesinnter Spät-Adoleszenter im Kaffeehaus saß, um amouröse Verwicklungen zu besprechen bzw. geheimnisvolles Verhalten von Liebschaften zu analysieren, herrscht in unserem sonst so beredten Kreis nun Schweigen. Alle sitzen mit dem Mobil-Telefon in der Hand um einen Tisch und wischen mit den Daumen über Fotografien fremder Frauen.

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    Während klassische Internet-Kontaktbörsen Eigenschaften und Vorlieben zu Charakterprofilen verarbeiten, unternimmt Tinder eine kompromisslose Vereinfachung: Alleine die Optik zählt. Fotos von möglichen Geschlechtspartnern werden der Reihe nach eingeblendet. Ein Blick darauf - dann wird entweder nach rechts gewischt: Like, oder nach links: Nope. Wählen zwei Personen gegenseitig die "Like"-Option, dürfen sie in Kontakt treten, wodurch sich - wie man hört - schnell und unkompliziert die Möglichkeit ergeben soll, horizontal zu werden. (Was ich aus eigener Erfahrung bisher nicht bestätigen kann.)

    Stattdessen - vielleicht liegt das an meinem Bart - schütten mir die Tinder-Frauen ihr Herz aus. Eine erzählte mir, ihr Mann habe sie gerade mit drei Kindern sitzen gelassen. Eine zweite, eine Apnoe-Taucherin, will wissen, wie lange ich die Luft anhalten kann, außerdem habe sie nach einem Surf-Unfall eine eingeschlagene Nase. Eine dritte entpuppt sich als beste Freundin der ersten, die bloß weitergehende Informationen einholen will.

    Was meine Freunde angeht: V. brachte zwar rasant ein Date zustande und lotste die Dame zielstrebig in seine Wohnung. "Und? Was war?", wollten wir alle wissen. "Nichts", antwortete er: "Auf die Finger hat sie mir geklatscht, als ich sie berühren wollte." Wir ermahnten ihn, geduldiger zu sein. Auch die Dates mit Nummer Zwei und Drei verliefen problematisch: Mit den Finger-Klapsen kam V. nicht zurecht. Freund K. wiederum kam mit triumphalem Lächeln nach einem Tinder-Date ins Café, musste dann jedoch einräumen, die Dame bereits von früher zu kennen. Außerdem habe er sie nicht geküsst, aber bis in die Morgenstunden mit ihr getanzt.

    Erstes Fazit: Bisher scheinen Ovids klassische Strategien erfolgversprechender. Aber wer weiß. Ich will demnächst die Apnoe-Lady treffen - und werde weiter berichten . . .

    Matthias G. Bernold, geb. 1975, lebt als Journalist in Wien.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2014-05-22 17:53:06
    Letzte ─nderung am 2014-05-23 10:26:19



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