• vom 21.06.2014, 11:00 Uhr

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Todeskreuzungen




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Von Matthias G. Bernold


    Wer von Wien nach Graz mit dem Fahrrad fahren will, kann - wenn er nicht auf der B17 unterwegs sein möchte - eine Zeitlang den Thermenradweg benutzen. Es ist dies die Route, die auch der sogenannte Eurovelo 9 einschlägt, eine der großen Nord-Süd-Verbindungen im europäischen Radroutennetz, die auf 1930 Kilometern die Ostseeküste mit der kroatischen Adria verbindet. Recht apart, wenngleich aufgrund vieler Schotter-Passagen und des Zickzack-Kurses für Schnell-Radler nicht zu gebrauchen, führt der Thermenradweg durch Niederösterreich und durch die Steiermark.


    Der Radweg veranschaulicht, für wen hierzulande Verkehrspolitik gemacht wird. Wo immer er eine Landstraße kreuzt, haben die Planungsverantwortlichen Hinweis-Schilder mit der Aufschrift "Todeskreuzung" angebracht. Zugleich wird der Radfahrer aufgefordert abzusteigen. Dies ist aus zweierlei Gründen interessant: zum einen, weil Radfahrende damit offenbar angehalten werden sollen, längere Zeit in der "Todeskreuzung" zu verbringen; zum andern, weil es für die herannahenden Autofahrer kein derartiges Hinweisschild gibt. Auch kein Warnlicht, keine Schwelle, keine Ampel, keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Kurz: keine einzige Maßnahme, die der Kreuzung ihren tödlichen Charakter nehmen könnte. Die Verantwortung wird allein den Radlern aufgebürdet. Als sei Radfahren eben Todesrisiko und die Gefährdung durch Autofahrer eine gottgegebene, unvermeidliche Tatsache.

    Diese Haltung hat in Österreich lange Tradition. Wie es anders geht, zeigte jüngst ein Vortrag des dänischen Architekten und Stadtplaners Jan Gehl. Der 78-Jährige skizzierte im Rahmen einer Ausstellung im Amtshaus Wien-Neubau den dänischen Weg. Seit den 1960er-Jahren setzt Dänemark auf den Umbau der Städte in menschenfreundliche Lebensräume, in denen sich Menschen jeden Alters sicher und bequem bewegen und aufhalten können. Während alle Straßen in Kopenhagen (zu Lasten von Kfz-Fahrstreifen und Parkplätzen) mit komfortablen Radwegen ausgestattet sind, ermöglichen Fahrrad-Schnellstraßen das Ein- und Auspendeln zwischen Umlandgemeinden und Stadt. Die Infrastruktur ist so weit ausgebaut, dass sich ein Anbringen von "Todeskreuzung"-Schildern erübrigt.

    Ein Gutes haben aber auch die geheimnisvollen Radwege in Niederösterreich: Sie zeigen, wie viele freundliche Menschen es gibt. Lächelnd und verständnisvoll gab man uns stets Auskunft, wenn der Radweg plötzlich verschwand. Wir wurden unter Brücken durchgelotst, auf sorgfältig versteckte Hinweisschilder aufmerksam gemacht. Und ein älterer Herr auf dem E-Bike ließ es sich nicht nehmen, uns 20 Minuten lang zu eskortieren: "Der Radweg ist hier so verwinkelt. Da habt’s sonst keine Chance, Burschen!"

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.




    Schlagwörter

    Glossen, nah&fern, Radwege, Risiko

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2014-06-18 17:14:03
    Letzte Änderung am 2014-06-20 12:30:18



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