• vom 02.08.2014, 09:00 Uhr

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Von Hermann Schlösser


    Das bin ich nicht, nein, das nicht. Unvermittelt fällt einem dieser Satz ein, und fürs Erste ist nichts Vernünftiges damit anzufangen. Aber aus irgendeinem Grund bleibt einem die Wortfolge im Sinn; "das bin ich nicht, nein, das nicht" so denkt man hartnäckig vor sich hin, und allmählich reift die Einsicht: Dieser Satz gehört irgendwie verarbeitet. Wer weiß, vielleicht könnte daraus sogar ein Gedicht gemacht werden?

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    Also, versuchen wir das! Verteilen wir die Wörter auf zwei Zeilen und schauen, ob allein durch den Zeilenbruch schon ein Gedichtgefühl entsteht:

    Das bin ich nicht

    Nein das nicht -

    Umwerfend gut ist das nicht. Die formalen Ansprüche an die Lyrik sind zwar heutzutage nicht mehr so streng, wie sie einmal waren, aber "nicht" auf "nicht" reimen - das zeugt noch immer von sehr dürftiger Dichtkunst! Außerdem wäre wohl eine gewisse metrische Belebung vonnöten, um ein Gedicht in Gang zu bringen.

    Und jetzt müssten sich halt Einfälle einstellen. Es sollte nur so wimmeln von witzigen Wortspielen und anschaulichen Metaphern. Man könnte sich die "Lockergedichte" zum Vorbild nehmen, die Andreas Okopenko einst aus dem Ärmel geschüttelt hat:

    Fällt ’n leichter Strichregen

    kannste Dir zu mich legen.

    Das ist ganz einfach gelungen! Aber nicht jeder bewegt sich auf so leichten Versfüßen wie der große Okopenko. Ich zum Beispiel muss mehrere Anläufe nehmen, um etwas Erfreuliches zustande zu bringen. Unmittelbarkeit und Spontaneität sind nicht meins. Ich schreibe eher so, wie man Bleistifte spitzt: Ich drehe und drehe, das Geschriebene wird immer kürzer und feiner - aber irgendwo sammelt sich der Abfall.

    Laut ruft er aus:

    Das bin ich nicht -

    Na bitte! Während ich noch übers Schreiben und Spitzen dahinfasele, formulieren sich wie nebenbei zwei ganz nette Verse. Und jetzt beginnt das Dichten wirklich, denn zwei reimlose Verse sind kein Gedicht und können auch nicht einfach dazu ernannt werden. Es müssen sich mindestens zwei weitere Zeilen finden, die das Strophenschema ausfüllen. Aber dabei verändert sich unter der Hand wieder der Inhalt:

    Das bin ich nicht

    so ruft er schrill,

    denn mein Gedicht

    macht, was es will

    Und hier bemerken wir nun jenes berühmte "Zaudern zwischen Klang und Sinn", das nach Paul Valéry die Lyrik auszeichnet. Denn warum wird hier "schrill" gerufen? Doch nur aus dem einzigen Grund, weil damit ein Reim auf "will" gefunden wurde. So betrachtet, hätte der "er" dieses Gedichts seinen Ruf auch "still" tätigen können, und es wäre ebenso in Ordnung gewesen.

    Ich sehe schon, die erläuternden Zwischenbemerkungen (also der "Abfall") sind eigentlich ergiebiger ausgefallen als das Gedicht selbst. Aber das ist eigentlich auch nicht tragisch.

    Ein Verslein spricht,

    der Schreiber schweigt,

    weiß wirklich nicht,

    was sich hier zeigt.




    Schlagwörter

    Extra, Glossen, Diarium, Lyrik, Poesie, Reimen

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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2014-08-01 10:41:03
    Letzte ─nderung am 2014-08-01 12:26:00



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