• vom 08.11.2014, 11:00 Uhr

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Der Mauerfall in Texas




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Von Hans-Paul Nosko


    Wenn man als Journalist meilenweit von dort entfernt ist, wo gerade Zeitgeschichte geschrieben wird, dann ist das Pech, im Allgemeinen. Den Fall der Berliner Mauer erlebte ich mitten in Texas. Und das war, gerade dort, etwas ganz Besonderes.

    Ich hatte mich in den USA um ein Journalistenpraktikum beworben, wobei in meiner Vorstellung eigentlich nur die "New York Times" oder die "Washington Post" in Frage kamen. Als ich dann auf dem Fax las, im "Fort Worth Star Telegram" wäre ab Mitte Oktober ein Platz frei, sagte ich mir freilich: Nichts wie hin. Texas kannte ich von früheren Reisen als ein trotz aller Südstaateneigenheiten tolles Land, also eher Jeans und Boots als einen Anzug einpacken - und auf in die Stadt, die auch heute noch den schmucken Beinamen trägt "Where the West begins".


    Letzteres zu Recht, wie ich bereits am zweiten Abend sehen sollte. Das historische Zentrum der damals 400.000 Einwohner zählenden Nachbarin von Dallas war voll von Saloons, einer sogar aus dem neunzehnten Jahrhundert, von Männern in karierten Hemden und gewichsten Stiefeln und Frauen in Fransenröcken; alle mit breitkrempigen Hüten auf dem Kopf und zum Glück ohne Colts an den Hüften. Hundert Jahre zuvor hatten hier noch Revolvergrößen wie Wyatt Earp und Doc Holliday die einschlägigen Etablissements besucht.

    Das "Star Telegram" war, und ist es noch immer, eine sehr gute Regionalzeitung in familientauglicher Aufmachung (keine barbusigen Mädchen) und mit total netten Kollegen. Die bestimmenden Themen zu Beginn meines Aufenthalts waren der Einsturz einer Autobahnbrücke in San Francisco, die etliche darunter befindliche Fahrzeuge zerquetschte, sowie eine nicht mehr ganz junge Zsa Zsa Gabor, die vehement bestritt, einen Polizisten geohrfeigt zu haben. Ich sah mein erstes Footballspiel, erlebte mein erstes Halloween und tanzte zum ersten Mal den Texas-Two-Step. Europa war in jeder Hinsicht weit weg.

    Als am neunten November gegen Mittag die Meldung über die Agenturen ratterte, die DDR wolle die Grenzübergänge zur BRD öffnen, kam Bewegung in den sonst eher gemütlichen Redaktionsalltag des "Star Telegram". Am späten Nachmittag - in Berlin war es gerade Mitternacht - hatten sich bereits die meisten Journalisten, Anzeigenleute und Grafiker im Newsroom versammelt, und wir starrten ergriffen und fassungslos auf die Bildschirme: Menschenmassen drängten vom Osten in den Westen Berlins. Ich war der einzige Europäer im Raum, als Österreicher für texanische Verhältnisse quasi Deutscher, und ein Kollege fragte mich, was das nun für uns bedeute. Ich hatte zuvor an einen Bekannten aus der DDR gedacht, der wegen "Republikflucht" für fünf Jahre ins Gefängnis gegangen war, und sagte: "Die sind jetzt hoffentlich endlich frei." Am nächsten Tag verkündete das "Star Telgram" in Balkenlettern: "The Wall is Gone!" Die Titelseite hängt heute noch über meinem Schreibtisch.

    Hans-Paul Nosko ist Journalist und lebt in Wien.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2014-11-07 10:47:02
    Letzte Änderung am 2014-11-07 13:03:45



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