• vom 08.09.2009, 18:56 Uhr

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Update: 08.09.2009, 18:57 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Die Piefkes kommen - nach Gänserndorf!




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  • Der Spottname Piefke hat nichts mit der großen Militärparade zu tun, die 1866 in Gänserndorf bei Wien stattfand. Da können die Gänserndorfer noch so viele Denkmäler aufstellen.

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung". Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

"Piefke - dieser Ausdruck ist wohl jedem bekannt. Doch wenige wissen, woher er wirklich kommt." So liest man es in einer Presseinformation der Stadt Gänserndorf. Dort wird heute ein Denkmal für den deutschen Militärmusiker Johann Gottfried Piefke enthüllt. 1866 kam es ja in der Schlacht bei Königgrätz zur vernichtenden Niederlage der Österreicher. Am 31. Juli haben dann die Preußen eine riesige Siegesparade im Marchfeld abgehalten. Piefke leitete die musikalischen Darbietungen. Das sind historische Tatsachen.

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Was die Gänserndorfer sonst noch behaupten, ist Unsinn: "Die Piefkesche Blaskapelle genoss damals sowohl in Deutschland als auch in den Ländern der Donaumonarchie ein derart großes Ansehen, dass Kundschafter den ankommenden Musikern mit dem Ruf die Piefkes kommen vorauseilten." Von daher stamme das Schimpfwort Piefke. Und um dem Unsinn noch eins draufzusetzen, wird die Militärparade, die eine der blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts beschloss, mit einem Popkonzert von Robbie Williams verglichen - wegen der Teilnehmerzahl: 60.000 preußische Soldaten waren seinerzeit nach Gänserndorf gekommen.

Ich habe schon einmal an dieser Stelle geschrieben, dass der Spottname Piefke mit der Siegesparade nichts zu tun hat. Piefke diente schon Jahrzehnte vor Königgrätz als Bezeichnung für einfältige und angeberische Menschen, und zwar in Deutschland! Im Jahr 1841 schuf Adolf Glasbrenner - er wird gern als "Vater des Berliner Humors" bezeichnet - in seiner Komödie "Antigone in Berlin" eine Spottfigur dieses Namens. In der Folge hat sich Piefke in der satirischen Literatur Deutschlands einen festen Platz erobert.

Im Revolutionsjahr 1848 taucht der Piefke erstmals in Wien auf, und zwar in der von Moritz Gottlieb Saphir redigierten Zeitschrift "Der Humorist". Saphir war ein Mitarbeiter Glasbrenners in Berlin und hat die Witzfigur nach Wien mitgebracht. In diesem Fall wird sie dazu verwendet, um einen Wiener zu charakterisieren.

Das alles hat "WZ"-Leser Dr. Anton Karl Mally in jahrelanger Kleinarbeit recherchiert. Er hat auch alle Wiener Zeitungen, die in den Juli- und Augusttagen des Jahres 1866 erschienen sind, durchstöbert: kein Wort über Piefke, kein Hinweis, dass er mit "die Piefkes kommen" begrüßt worden wäre.

Trotzdem wird heute in Gänserndorf ein Denkmal zur Erinnerung an die Herkunft des Spottnamens enthüllt. Und eine Qualitätszeitung dieses Landes hat in einem Vorausbericht sogar die deutsche Botschaft um eine Stellungnahme gebeten. "Wir fühlen uns dadurch nicht beleidigt", hieß es dort, "das Denkmal soll an ein historisches Ereignis erinnern." Na, fein. Und das Land Niederösterreich unterstützt die Errichtung des Denkmals aus Mitteln der Kulturförderung.

In Wirklichkeit war der Beitrag Niederösterreichs zur Verfestigung des Spottnamens Piefke ein anderer. Es war der Niederösterreicher Robert Hamerling, der in einer 1872 uraufgeführten Komödie "Teut" zwei Berliner mit den Namen Pifke und Pufke auftreten ließ. Pifke verkörperte berlinerische Großschnäuzigkeit und preußische Entschiedenheit.

Jenen, die heute das Denkmal enthüllen, sollte man sagen: Vielleicht wäre es gut, die Bedeutung dieses Ausdrucks wörtlich zu nehmen: Denk mal! Schimpfwörter für andere Völker sind bedenklich . Die Legende erfüllt aber auch einen handfesten Zweck. Wenn ein Spottname aus einer militärischen Niederlage entstanden ist, dann muss er doch irgendwie gerechtfertigt sein. Oder werben die Gänserndorfer um Touristen aus dem Land Piefkes?



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2009-09-08 18:56:45
Letzte Änderung am 2009-09-08 18:57:00


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