• vom 29.11.2014, 11:00 Uhr

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Gerstenfresser




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Von Mario Rausch

  • damals & heute

Heutzutage ist es für jeden ambitionierten Hobbysportler selbstverständlich, sich nach starker Belastung an mineralstoffhaltigen Getränken zu laben. Dass Ähnliches schon in der Antike praktiziert wurde, fanden nun Wissenschafter der Medizinischen Universität Wien heraus: Sie untersuchten die Skelette von Gladiatoren, die im 2. und 3. Jahrhundert auf einem Friedhof in Ephesos bestattet worden waren.

Die Knochen der Kämpfer wiesen einen erhöhten Strontiumwert auf; Strontium hat ähnliche Eigenschaften wie Kalzium, es wird als Knochenbestandteil eingebaut. Die Forscher gehen davon aus, dass die Gladiatoren nach den Kämpfen ein Getränk zu sich nahmen, das aus mit Honig gesüßtem Essigwasser und etwas Asche bestand; dieses hatte einen ähnlichen Effekt wie heutige Magnesium-Kalzium-Präparate.

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Abgesehen von diesem "Wundermittel" wies die Ernährung der Gladiatoren kaum Besonderheiten auf. Wie der Großteil der Bevölkerung bekamen sie nur in Ausnahmefällen Fleisch vorgesetzt, meist bestand ihre Kost aus Gerste und Saubohnen, dem gängigen Fleischersatz; nicht zufällig nannte man die Kämpfer wenig schmeichelhaft hordearii, "Gerstenfresser".

Dieser Beiname macht klar, dass die Gladiatoren beileibe nicht jene gefeierten Helden waren, als die sie Hollywood gerne darstellt. Sie standen in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten, auf einer Stufe mit den Sklaven. Und in der Tat waren es meist unfreie Männer, die in der Arena ihre Haut zu Markte trugen. Doch es gab auch Bürger, die diese Tätigkeit freiwillig ausübten, und zwar aus materieller Not: in der ludus, der Gladiatorenschule, waren Training, Kost und Logis gratis. Doch damit begaben sie sich komplett in die Abhängigkeit des Schulbesitzers und wurden sein Eigentum. Innerhalb der Schule konnten sie zwar aufsteigen, verloren mit dem Eintritt aber ihr römisches Bürgerrecht; gesellschaftlich konnte man nicht tiefer sinken.

Aus heutiger Sicht erscheinen Gladiatorenspiele als blutrünstige, an Grausamkeit kaum zu überbietende Spektakel. Es gilt jedoch zu bedenken, dass Krieg und die damit verbundene körperliche Gewalt im alten Rom allgegenwärtig waren. Mit den Gladiatorenkämpfen wurden somit auch hohe gesellschaftliche Werte jener Zeit zur Schau gestellt, etwa männliche Tapferkeit und Standhaftigkeit im Angesicht des Todes.

Die Mächtigen erkannten rasch, dass man mit diesen Kämpfen Menschen beeindrucken konnte und so war die Organisa-tion und Finanzierung von Gladiatorenspielen ein beliebtes Mittel, um politische Karrieren zu befördern. Wer ein hohes Amt anstrebte, musste Bürgernähe zeigen und dem Volk kostspielige Unterhaltung bieten - der Tod in der Arena als antikes Wahlkampfzuckerl.

Mario Rausch, geb. 1970, studierte Klassische Archäologie und Alte Geschichte; freier Publizist, lebt in Klagenfurt und Wien.




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Dokument erstellt am 2014-11-27 17:56:03



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