• vom 09.03.2015, 17:22 Uhr

Glossen

Update: 10.03.2015, 10:38 Uhr

Sprachschätze

Wenn Dummheit wehtäte




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Von Hilde Weiss

  • Schimpfwörter sind ein selbstverständlicher, wenn auch auffallend sonderbarer Teil unseres Wortschatzes.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen. Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Auch wenn nicht jeder alle kennt, inklusive Dialektausdrücken verfügen wir über einige tausend Schimpfwörter. Kose- und Schmeichelwörter, Wörter der Anerkennung gibt es laut Malediktologie bedeutend weniger. Schimpfwort kann alles sein, zum Schimpfwort kann alles werden, es muss sich nur eine genügend große Zahl von Menschen darauf einigen. Durch großen Gedankenreichtum zeichnen sich Schimpfwörter allerdings selten aus.

Hund, Esel, Kamel, Gans, Kuh, Ziege - jeder weiß, was gemeint ist, auch wenn kein dumm oder blöd hinzugefügt wird. Unübersehbar dabei ist, dass zu Schimpf- und Spottzwecken mit Vorliebe die Namen derer missbraucht werden, die uns am meisten nützen und am treuesten dienen. So war der Schweinehund nicht immer ein Schimpfwort, sondern ein Name für Hunde, die bei der Wildschweinjagd halfen oder beim Schweinehüten. Zur Beleidigung wurde der Ausdruck erst durch Studenten im 19. Jahrhundert.

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Der Wolf gilt als böse, nicht aber als dumm - erst domestiziert wird sein Name zum Schimpfwort. Die eigensinnige Katze bleibt weitgehend ungeschoren. Füchsen, Bären und Raubvögeln wird meist mit sprachlicher Bewunderung begegnet und noch mehr Tigern und Löwen, ohne dass sie etwas für uns getan hätten. Typisch für unseren Schimpfwortschatz ist auch, dass er ein Hort für Widersprüche ist: Zum Beispiel das Glücksschwein ist gleichzeitig dumm, dreckig, faul, feig und vieles mehr. Dennoch möchten alle "Schwein haben".

Aber auch sonst ist einiges unstimmig: Blöd zum Beispiel war früher kein Schimpfwort, sondern bedeutete, eng verwandt mit der Blöße, schwach, scheu, furchtsam, zaghaft, zart, auch gebrechlich. Im Alter werden die Augen blöd, sagte man früher. Verblöden hieß einschüchtern, schwächen und sich entblöden, die Scheu überwinden.

Auch beim Schimpfen selbst handelt es sich um einen typischen Fall von Bedeutungsverschlechterung, denn das Wort bedeutete ursprünglich spielen, scherzen, aber - weil Menschen das so oft auf Kosten anderer tun - bald auch verspotten. Schimpf war zuerst Spaß und Scherz, dann Kampfspiel und schließlich Verhöhnung. Scherz war das Schimpfen in vielen Gegenden bis weit ins 18. Jahrhundert.

Ähnlich bedeutete dumm ursprünglich stumm, taub, unerfahren, bald aber auch töricht, ausgehend von der Vorstellung beeinträchtigter, stumpfer, tauber Sinne - was sich daraus erklärt, dass Menschen mit Behinderungen, vor allem Gehörlose, wegen ihrer Verständigungsschwierigkeiten früher als geistig behindert aufgefasst wurden. Doof heißt ebenfalls taub, empfindungslos, stumpfsinnig, umnebelt, betäubt. Und dämlich geht auf die indoeuropäische Wurzel tem- für betäubt, geistig benommen zurück.

Der Depp ist "der Täppische". Trampel kommt, eng verwandt mit dem Trampen, vom Trampeln. Auch der Trottel kommt wahrscheinlich vom Trotten und vom Trott, denn ein ungelenker, schwerfälliger Gang wurde als Zeichen ungelenker, schwerfälliger Denkungsart aufgefasst. Wenn Dummheit wehtäte, diese Redensart geht auf ein Gedicht von Friedrich Freiherr von Logau zurück: "Wenn Torheit täte weh, o welch erbärmlich Schrein / würd in der ganzen Welt in allen Häusern sein!"




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Dokument erstellt am 2015-03-09 17:26:08
Letzte nderung am 2015-03-10 10:38:53



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