• vom 17.03.2015, 16:51 Uhr

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Update: 17.03.2015, 18:02 Uhr

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Wer hat da geschummelt?




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Drei rheinische Städte sollen bei der Entstehung dieses Ausdrucks Pate gestanden sein: Speyer, Worms und Mainz.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Unlängst fragte mich ein Freund, ob ich wisse, woher das Wort schummeln stammt. Wir hatten uns gerade ausführlich über Schummeleien beim Kartenspielen unterhalten. "Ich habe irgendwo gelesen, dass das Wort aus dem Jiddischen oder Hebräischen kommt", meinte er. "Kann das stimmen?" Ich hatte mich noch nie mit der Etymologie von schummeln befasst, versprach aber, es demnächst zu tun.

Zunächst warf ich einen Blick in das "Große Wörterbuch der deutschen Sprache", erschienen im "Duden"-Verlag. In eckigen Klammern fand ich das Kürzel H. u., was so viel wie Herkunft unklar bedeutet. Dann ein vager Hinweis: (...) vielleicht zu einem mundartlichen Verb mit der Bedeutung "sich hastig bewegen; schlenkern, schaukeln" und ursprünglich bezogen auf die schnellen Bewegungen der Taschenspieler.

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Das "Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache", der "Kluge-Seebold" wie er in Fachkreisen genannt wird, hält sich in seiner 25. Auflage, es ist die allerneueste, ebenfalls bedeckt. Unter "beschummeln" konnte ich lesen: "Wird als jüdisches Wort bezeichnet, es lässt sich aber im Westjiddischen nicht nachweisen. Herkunft umstritten. Die älteste Bedeutung von schummeln ist vielleicht handeln."

Auch in etymologischen Wörterbüchern ist das Kleingedruckte äußerst wichtig. In winziger Schrift wird auf einen vierseitigen Aufsatz von Hans Peter Althaus verwiesen. Der Bei-trag ist 1963 in der "Zeitschrift für Mundartkunde" erschienen.

Der inzwischen emeritierte Professor für Linguistik an der Universität Trier zählt zu den bedeutendsten Judaistik-Experten aus dem Bereich der Germanistik. Er weist darauf hin, dass die drei Rheinstädte Speyer, Worms und Mainz im Mittelalter große jüdische Gemeinden aufwiesen, die miteinander kooperierten. Sie wurden als SCHUM-Städte bezeichnet - nach den Anfangsbuchstaben ihrer mittelalterlichen, auf das Latein zurückgehenden hebräischen Namen: Schin (Sch) für Schpira, Waw (U) für Warmaisa und Mem (M) für Magenza.

Hier übten die Juden wie anderswo auch bevorzugt den Beruf des Händlers aus. Gewiss zogen sie auch in der Gegend umher, um ihre Waren abzusetzen. "Man kann annehmen, dass sie dann nicht als Speyerer, Wormser oder Mainzer bezeichnet wurden, sondern dass man sie nach der Kollektivbezeichnung ihrer drei Städe als ,Schumser‘ oder ,Schummler‘ bezeichnete", schreibt Althaus, "aber noch ohne den erst später hinzukommenden abwertenden Ton, sondern einzig und allein, um ihre Eigenart zu betonen."

Althaus zeigt dann anhand von Beispielen aus den Mundarten, wie sich die Bedeutung nach und nach verschlechterte. Es tauchten stark abwertende Untertöne auf: übervorteilen, beim Spiel betrügen etc.

Damit wäre alles klar, gäbe es nicht im Norden Deutschlands, ja sogar

in Dänemark und Schweden ein ähnlich klingendes Wort mit anderen Bedeutungen: schaukeln, rütteln und stoßen. Es wird auf eine indoger-

manische Wurzel zurückgeführt, die so viel wie krümmen oder biegen bedeutet hat.

Von daher stammt also die Vermutung des "Duden", dass das Wort ursprünglich auf die schnellen Bewegungen der Taschenspieler abzielte. Zwei Ableitungen, zwei Theorien. Sie haben die Wahl!




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Dokument erstellt am 2015-03-17 16:56:04
Letzte ─nderung am 2015-03-17 18:02:06



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