• vom 30.05.2015, 11:00 Uhr

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Rad-Renaissance




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Von Matthias G. Bernold

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"Der Experte erläuterte kurz das Drum und Dran des Dings, schwang sich dann hinauf und fuhr ein wenig herum, um mir zu zeigen, wie einfach das geht. Er sagte, das Absteigen zu lernen, sei vielleicht das Schwierigste, so dass wir uns das bis zuletzt aufsparen sollten. Aber da irrte er sich. Zu seiner Überraschung und Freude stellte er fest, dass er mich nur auf die Maschine zu hieven und beiseite zu gehen brauchte, und schon war ich ganz von allein wieder unten."

Auf diese vergnügliche Weise beschreibt Mark Twain in seinem Essay "Wie man ein Hochrad bändigt" seine ersten Fahrversuche. Zur seiner Zeit war das Radfahren die Freizeitbeschäftigung einer Handvoll reicher Exzentriker. Und Radfahren-Lernen ein halsbrecherisches Unterfangen. Immerhin fand sich Mark Twain bei seinen Ausfahrten alleine auf den Straßen und musste den Platz nur mit streunenden Hunden und Pferdefuhrwerken teilen. Wie verschieden ist die Situation heute! Wer aktuell in Wien Fahrrad fährt, dem machen vor allem zwei Dinge zu schaffen: das hohe Tempo des Kfz-Verkehrs und der fehlende Platz. Oft in Kombination mit der mangelnden Rücksichtnahme von Kfz-Lenkern, die sich der Gefährlichkeit ihres eigenen Verhaltens nicht bewusst sind.

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Dabei erlebt das Radfahren gerade eine Renaissance. Immer mehr Menschen entdecken die 150 Jahre alte Technologie für sich: Berufspendler, die frühmorgens aus Klosterneuburg über den Donaukanal in die Stadt fahren; ambitionierte Mamils (Middle Aged Man in Lycra) auf ultraleichten Carbon-Maschinen, Brompton-Fahrer mit Anzug und Krawatte, schwankende Touristen auf Citybikes, Studenten auf renovierten Retro-Rennern und Eltern, die ihre Sprösslinge mit dem Lastenrad in den Kindergarten chauffieren.

Die Wiederentdeckung des Fahrrades wird von vielen Stadtregierungen unterstützt. Vor dem Hintergrund von Umwelt-, Lärm- und Platzproblemen werden die Vorzüge einer Fußgänger- und Fahrrad-fokussierten Mobilität offensichtlich. Der öffentliche Raum soll mehr sein als nur Transitstrecke oder Parkplatz. So will etwa Paris "Welt-Hauptstadt der Fahrräder" werden und pumpt in den nächsten fünf Jahren 150 Millionen Euro in Radinfrastruktur.

Londons Bürgermeister Boris Johnson steckt allein heuer 200 Millionen Euro in Maßnahmen für Radfahrer. Ähnliche Strategien verfolgen New York City und Minneapolis, Zürich und München. Seoul riss kürzlich eine Stadtautobahn ab, um stattdessen einen Park zu errichten. Ohne Konflikte geht dieser Prozess nicht ab. Und nicht jeder will sich eine Stadt vorstellen, die dem Auto nicht mehr den Vorrang gibt. Aber eines fernen Tages sind unsere Straßen vielleicht so sicher, dass unsere Kinder darauf spielen können. Oder wir darauf das Hochradfahren lernen. Freilich: Am schwierigsten ist das Absteigen!

Matthias G. Bernold, geb. 1975, lebt als Journalist in Wien.




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Dokument erstellt am 2015-05-29 15:17:02



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