• vom 04.09.2015, 15:03 Uhr

Glossen

Update: 07.09.2015, 13:07 Uhr

Glosse

Was nehmen sie uns weg, die Flüchtlinge?




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Von Isolde Charim

  • Eine Meditation.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.© Daniel Novotny Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.© Daniel Novotny

Es gibt die mit der großen Hilfsbereitschaft. Und es gibt die mit der großen Furcht - sie fürchten, die Flüchtlinge nehmen ihnen etwas weg. Und dem ist auch so. Die Flüchtlinge nehmen uns tatsächlich etwas weg. Nicht Arbeitsplätze, Geld oder Sozialleistungen. Nein, sie nehmen uns etwas ganz anderes weg. Das gute Gewissen. Das Gefühl der Selbstverständlichkeit im eigenen Leben. (Der Krieg nimmt immer die Selbstverständlichkeit. So ist es heute dort. Und so war es früher auch hier.) Ja, das nehmen sie uns - die Flüchtlinge. Plötzlich schmeckt der Schweinsbraten, die Landschaft, das Leben nicht mehr so voll. Plötzlich fühlt sie sich bedroht an, die Zufriedenheit. Diese nehmen sie uns. Das lässt sich nicht aufklären. Da helfen keine Zahlen. Wenn der Wifo-Chef meint, 70.000 verkraften wir. Das lässt sich nicht argumentieren. Denn sie haben bereits die dünne Schicht, die Membrane angebohrt, in der wir unser glückliches, zufriedenes, selbstverständliches Leben gelebt haben. In aller Weltvergessenheit.

Denn die Welt, die ist da. Und nicht nur in den homöopathischen Dosen, in denen wir sie mundgerecht genießen möchten. Sie ist da - die Welt jenseits der Membrane. Sie wurde mitgebracht - mit diesen Körpern, mit diesen Menschen. Mit ihrer Angst, ihrem Leid, ihrem Ausgesetzt-Sein. Sie, die jenseits der Schutzmembrane leben, sie sind da.


Kein Wunder in einer globalisierten Welt? In einer Welt von Überschallflugzeugen, Skype und E-Mails? Oh doch! Gerade diese Welt, diesen "Weltinnenraum" (Sloterdijk), diese Membrane haben sie durchbrochen.

Sie treiben in Nussschalen auf dem Meer. Ausgesetzt. Jeder einzelnen Welle. Und ihre Handys, Insignien unserer Innenwelt, die hüllen sie in Plastik. Die packen sie in Vakuum - für die Zeit der Überfahrt, die eine Zeit außerhalb der unseren ist. Sie setzen sie in Klammern - denn sie begeben sich raus aus dieser Blase. Raus aus dieser Zeit. Mit ihren Körpern müssen sie den Weltinnenraum durchbrechen. In Nussschalen auf den Wellen. In Kühltransportern. Da haben ihre Körper die Schutzmembrane verlassen. Und der Ausgang zeigt: Sie haben ihn wirklich durchbrochen, den Schutz. Jenen Schutz, der unsere Selbstverständlichkeit herstellt. Und dann liegen sie da, die toten Körper. Im Kühl-Lkw. Oder am Strand. Wie das süße, kleine Kind.

Und wir retten uns in das, was unsere Membrane noch schützen kann. Manche möchten sie befestigen, die Grenzen, den Schutz - aber sie lässt sich nicht befestigen, die Membrane. Da hilft kein noch so stacheliger Draht. Manche aber flüchten sich in das Einzige, was bleibt - in die Humanität, in die Solidarität. Diese rettet auch uns. Sie ist das Refugium für unser Sein in der Welt, für unseren Schutz. Wenn die Membrane bricht, dann ist Humanität die letzte Zuflucht für uns alle.

Dann unterscheidet sich auch eine Parlamentssitzung kaum von einem Gottesdienst, wie ihn der Kardinal dieser Tage im Stephansdom zelebriert hat: ein gemeinsamer Appell an den Schutzschild Humanität. Nur dass im Parlament eine Fraktion dagegen hält. Eine Fraktion, die zeigt: Humanität ist nicht eine neue uns alle umfassende Membrane. Sie ist ein politischer Begriff, ein politisches Handeln - also etwas, das nicht von allen geteilt wird. Sie ist eine Kampfansage.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-04 15:08:03
Letzte nderung am 2015-09-07 13:07:39



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