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Update: 30.09.2015, 10:07 Uhr

Glosse

Zurück ins 19. Jahrhundert?




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Die fragwürdige Vergabe eines großen Forschungsauftrags über den Sprachgebrauch in Österreich hat einen alten Gelehrtenstreit aufflammen lassen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Unter Germanisten findet seit einiger Zeit eine heftige Debatte über die Einordnung unserer Sprachgewohnheiten statt. Ist das Österreichische eine Varietät innerhalb des Deutschen? Das würde eine Gleichwertigkeit gegenüber dem schweizerischen Deutsch und gegenüber dem übermächtigen deutschen Deutsch implizieren. Dieses Konzept zielt auf die Standardsprache ab und es hängt mit dem Nationengedanken zusammen. Da sich die Österreicher heute als Nation sehen, spricht einiges dafür, unsere Sprachgewohnheiten unter dem Begriff "österreichisches Deutsch" zusammenzufassen, wobei leidenschaftliche Verfechter des Konzepts wie der Grazer Rudolf Muhr auf die Schreibung mit großem Ö bestehen. Das ist rechtschreibwidrig und hilft der Sache wenig.

Mit Kleinschreibung bin auch ich ein Anhänger dieses Konzepts, wie man aus dem Titel meines Buches "Das österreichische Deutsch. Ein illustriertes Handbuch" ersehen kann. Die Position ist für die sprachliche Selbstbehauptung Österreichs ungemein wichtig. Sie garantiert, dass wir "Marille" sagen dürfen und dass uns nicht "Aprikose" vorgeschrieben wird. Sie garantiert, dass "heuer" nicht fehlerhaftes Deutsch ist und durch "in diesem Jahr" ersetzt werden muss. In der Wissenschaft wird das Konzept als "plurizentrisch" bezeichnet.

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Wer sich so, wie ich auch, mit den Mundarten beschäftigt - meine letzten Publikationen waren Wörterbücher des Wienerischen, und ich war Ko-Autor von Wörterbüchern des Tirolischen und des Südtirolischen -, der muss konstatieren, dass sich die Sprachgewohnheiten nicht an Landesgrenzen halten. Wir sind Teil des "bairisch-österreichischen" Mundartraums, der München genauso wie Wien umfasst. Die Mundart wirkt in die Alltagssprache hinein und beeinflusst auch die Standardsprache. In der Wissenschaft wird das Konzept als "pluriareal" bezeichnet. Dessen Verfechter lehnen den Begriff "österreichisches Deutsch" ab, sie verwenden stattdessen "Deutsch in Österreich" und sagen: Wenn man die österreichische Amtssprache und die Bezeichnungen für Lebensmittel und Speisen beiseite lässt, bleibt vom österreichischen Standarddeutsch nichts übrig, denn österreichisch sind nur die Mundarten. Das ist natürlich Humbug. Es geht übrigens nicht nur um den Wortschatz, sondern auch um die Satzstellung, um die Färbung der Sprache etc. Auch wenn ich das Radio nur halblaut aufdrehe: Einen österreichischen Nachrichtensprecher kann ich sofort von einem deutschen unterscheiden.

Eskaliert ist die Auseinandersetzung deshalb, weil der Wissenschaftsfonds (FWF) ein riesiges Froschungsprojekt an Vertreter des Konzepts "Deutsch in Österreich" vergeben hat, noch dazu an Universitätsprofessoren in Salzburg und in Wien, die gebürtige Deutsche sind, ohne Muhr einzuladen, der auf diesem Gebiet viel geforscht hat. Der Grazer veröffentlichte daraufhin in der Zeitung "Die Presse" einen Gastkommentar unter dem Titel "Zurück ins 19. Jahrundert" und prangerte den "Wissenschaftsrevisionismus" an.

In der Tat geht es um rivalisierende Erklärungsmodelle - und keines von beiden ist ein Teufelswerk. Aber vom FWF würde man sich mehr Sensibilität bei der Vergabe solcher Projekte erwarten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-29 16:23:07
Letzte nderung am 2015-09-30 10:07:06



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