• vom 13.10.2015, 16:08 Uhr

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Update: 14.10.2015, 10:29 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Ezzes darf nicht das letzte Stichwort sein!




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Von Robert Sedlaczek

  • Das "Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich" ist von der Einstellung bedroht. Es wäre ein schwerer Verlust.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Am vergangenen Freitag ist in der Akademie der Wissenschaften gefeiert worden. Die Universitätsprofessoren Peter Wiesinger und Ingo Reiffenstein konnten mit Recht darauf stolz sein, dass der fünfte Band des "Wörterbuchs der bairischen Mundarten in Österreich" fertiggestellt ist.

Vielleicht lässt sich die Bedeutung dieses bisher umfangreichsten wissenschaftlichen Werks zum Wortschatz unserer Mundarten und unserer Alltagssprache am besten anhand eines Beispiels zeigen. Eines der Stichwörter in der letzten Teilausgabe ist das Wort Elfer. Es kann vielerlei bedeuten: die Zahl elf; ein Strafstoß im Fußball; ein Zug, der planmäßig um elf Uhr fährt; ein Getreidemännlein aus elf Garben; besonders lange Beine oder Füße; besonders große Schuhe und einiges mehr. Das zehnbändige "Wörterbuch der deutschen Sprache" des Duden-Verlags kennt nur die ersten zwei Bedeutungen: die Zahl elf und den Strafstoß.


Ein anderes Beispiel. In vielen Mundarten Österreichs gibt es das Wort Enger. Damit sind Mitesser gemeint. Herkunftswort ist ein mittelhochdeutscher Ausdruck, der Made bedeutet hat. Bei der Wortschöpfung hat offensichtlich der alte Volksglaube eine Rolle gespielt, dass die ausgedrückten Talgabsonderungen Würmer sind. Zum Hauptwort gibt es auch ein Eigenschaftswort - Menschen, die Mitesser haben, sind engerig. In den Mundarten leben mittelalterliche Wörter weiter, in der Standardsprache sind sie ausgestorben.

Darüber hinaus ist das "Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich" auch von großem kulturgeschichtlichen Wert. Dies wird deutlich, wenn es um Ausdrücke aus den Bereichen Brauchtum, Volksmedizin und dergleichen geht, aber auch bei der Beschreibung von Arbeitsvorgängen und Arbeitsgeräten. Hier wird das immaterielle Kulturerbe Österreichs dokumentiert, das wissenschaftliche Werk sollte daher ein nationales Anliegen sein.

Ist es aber nicht. Professor Peter Wiesinger berichtete bei der Tagung, dass das Projekt von der Einstellung bedroht ist. In den letzten Jahren ist das Personal des Wörterbuchs durch Umgruppierungen und durch Nicht-Nachbesetzung ausscheidender Mitarbeiter ausgedünnt worden.

Im Präsidium der Akademie dürfte niemand die Bedeutung dieses Projekts erkannt haben. Dass sich zu der Veranstaltung kein führendes Mitglied dieser Organisation eingefunden hat, ist bezeichnend. Hinzu kommt, dass die langjährige und verdiente Redaktionsleiterin Ingeborg Geyer demnächst in Pension geht - auch dies könnte ein Anlass sein, die Stilllegung voranzutreiben.

Man hört, dass vier Wissenschafter aus dem Ausland mit einer Evaluierung beauftragt wurden. Wiesinger und Reiffenstein, die wissenschaftlichen Berater des Projekts, haben erst nach langem Drängen diese Gutachten erhalten. Auch das ist bezeichnend.

Das letzte Stichwort im fünften Band ist das Wort Ezzes. Es bedeutet Ratschläge und Hinweise. "Sich ein paar Ezzes holen" - so lautet ein Beleg aus dem "Kurier". In der "Krone" stand: ". . . hat er ma seine Ezzes gebn." Der Ausdruck kommt aus dem Jiddischen. Hoffentlich war Ezzes nicht das letzte Stichwort.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-10-13 16:11:09
Letzte ─nderung am 2015-10-14 10:29:17



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