• vom 01.11.2015, 11:00 Uhr

Glossen


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Bildungsvision




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Von Stefanie Holzer


    Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.Zuletzt ist von ihr der Essay "Wer BITTE passt auf meine KINDER auf" (Verlag Limbus) erschienen.

    Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.Zuletzt ist von ihr der Essay "Wer BITTE passt auf meine KINDER auf" (Verlag Limbus) erschienen.

    In Innsbruck gibt es eine Bildungsmesse mit dem gebildeten Namen "Visio". Lehre, Beruf, Studium und Weiterbildung sind die Themen dieser Messe, die die Orientierung im Bildungsdschungel erleichtern soll. Entsprechend viele Schüler und Lehrer trieben sich dort herum und hofften auf eine Vision. Manchen Jugendlichen sah man an, dass sie die Notwendigkeit einer Zukunftsentscheidung als große Last empfanden. Andere waren höchst fidel auf der Jagd nach einem möglichst großen Anteil an Gratiszuckerln, derer man an den Ständen habhaft werden konnte. Die dergestalt lockenden Aussteller waren öffentliche und private Schulen, Universitäten, Fachhochschulen, Unternehmen, die Lehrlinge ausbilden, und Beratungsinstitutionen.

    Bei dieser Messe sprach ich mit dem Chef einer kleinen Spezialschule, die jeweils ein Jahr lang Jugendliche, die in der Arbeitswelt schwer Fuß fassen, dabei unterstützt, diesen Schritt erfolgreich zu vollziehen. Das Problem seiner Schüler sei es, dass sie alle wüssten, was sie nicht können. Darüber könnten sie meist erschöpfend Auskunft geben. Doch was sie können und vor allem, was sie gerne tun würden, sei den meisten völlig schleierhaft. Unser Schulsystem mache uns klar, wo wir Nieten seien, doch wo unsere Stärken liegen, das bleibe uns ein Geheimnis.

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    An den Schwierigkeiten seiner Jugendlichen sei nicht nur unser - aus seiner Sicht völlig absurdes - Schulsystem schuld. Bei der Beschreibung seiner Klientel formulierte der ausgebildete Gymnasiallehrer pointiert, seine Jugendlichen kämen in zwei Aggregatzuständen vor: Entweder sei ihnen langweilig, oder was sie tun, sei ihnen zu anstrengend. Dazwischen gebe es nichts. Doch genau dazwischen spiele sich das (Arbeits-)Leben ab. Und dahin müsse er die Schüler führen. Das tut er, indem er die Jugendlichen in diversen Bereichen arbeiten lässt, damit sie sehen, was Arbeit bedeuten kann.

    So gesehen hat es etwas Gutes, dass mein elfjähriger Sohn im vorigen Schuljahr irgendwann seine Hausaufgaben nicht mehr gemacht hat. Als sein Nichtstun aufflog, gab er an, auf der Baustelle unseres Hauses so beschäftigt gewesen zu sein, dass für Kleinigkeiten wie Italienisch oder Deutsch in seinem Leben kein Platz mehr war. Überdies hatte er zum ersten Mal selber Geld verdient: Der Elektriker hatte seine Hilfsdienste mit 5,- Euro entlohnt. Folglich wollte E. eine Zeit lang Elektriker werden. Dann kamen die Holzbauer auf die Baustelle, und E. hatte eine neue Idee, was er mit seinem Leben anfangen könnte. Er sägte und nagelte, dass mir klar wurde: In den Lehrplänen ist viel Beschäftigung für den Kopf vorgesehen. Offenbar wären zwischendurch auch die Hände, der ganze Körper gern gefordert. Doch dafür brauchte man im Bildungsministerium wohl eine Vision.




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    Dokument erstellt am 2015-10-30 16:44:04



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