• vom 24.11.2015, 17:48 Uhr

Glossen

Update: 25.11.2015, 10:30 Uhr

Glosse

So rettete Ariadne den Bezwinger des Minotaurus




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Der Wort Leitfaden will richtig abgewandelt werden. Es ist übrigens ein schönes Wort aus der griechischen Mythologie.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Unlängst habe ich an dieser Stelle über den Entwurf eines Leitfadens berichtete - und dabei das Genitiv-s vergessen. Einige Leser haben mich auf diesen Fehler hingewiesen, ich gestehe ihn natürlich zerknirscht ein und möchte mich in aller Form entschuldigen. Gleichzeitig freue ich mich, dass die Leser meiner Glosse so aufmerksam sind.

Natürlich wird das Wort Faden so dekliniert: der Faden, des Fadens, dem Faden, den Faden. Und der Leitfaden will genauso abgewandelt werden wie der Faden.


Im Deutschen und in vielen anderen Sprachen geht die Entwicklung dahin, dass die Kasusendungen bei den Substantiven abgebaut werden. Aber ich möchte bei diesem Sprachwandel nicht ein Vorreiter sein. Am deutlichsten wird dieser Abbau, wenn wir uns an den Lateinunterricht erinnern und die lateinische Vielfalt mit der Einfalt im Italienischen oder Französischen vergleichen. So hatte das lateinische Wort für "Jahr" sechs verschiedene Endungen in der Einzahl: annus, anni, anno, annum, anne und anno, in der Mehrzahl immerhin vier verschiedene: anni, annorum, annis, annos, anni und  annis. Im Italienischen existieren nur noch zwei verschiedene Formen: anno in der Einzahl und anni in der Mehrzahl. Im Französischen lautet der Singular an und der Plural ans. Der Unterschied bei artikelloser Verwendung wird aber nur in der Schriftform sichtbar - die Aussprache ist im Singular und im Plural gleich. Auch im Deutschen gehen die Endungen sukzessive verloren.

Der Prozess ist abhängig vom jeweiligen Flexionstyp und vom jeweiligen Kasus. Der Dativ des Wortes Haus lautete früher: dem Hause. Heute verwenden wir die Endung -e nur noch dann, wenn es um ein Herrscherhaus geht. Sonst gilt die endungslose Form: "Dem Haus wird ein neuer Anstrich verpasst." Heute hört man in salopper Sprechweise auch immer öfter: "Ich geh zum Bankomat." Besser wäre: "Ich geh zum Bankomaten." Das gilt natürlich auch für das aus Deutschland importierte Wort Geldautomat - ich lese es immer öfter auf diesen Geräten, offensichtlich fürchten die österreichischen Banken, dass deutsche Touristen bei uns kein Geld abheben, weil Bankomat für sie ungewohnt ist...

In der geschriebenen Sprache sollten wir die Endungen hochhalten, auch wenn sie in der gesprochenen Sprache vom Schwinden bedroht sind: Wenn Substantive von einer Flexion in die andere wechseln, ist zu empfehlen, bei den ursprünglichen Versionen bleiben. Also nicht: der Bär, des Bärs, dem Bär, den Bär, sondern: der Bär, des Bären, dem Bären, den Bären.

Zurück zum Ausgangspunkt, zum Wort Leitfaden. Seine Bedeutung lässt sich so umschreiben: etwas, das uns durch eine Wirrnis hindurchleitet oder aus einer unüberschaubaren Situation hilft. Das Wort stammt aus der griechischen Mythologie. Ursprünglich war ein echter Faden gemeint, und zwar der Ariadnefaden. Ariadne, die Tochter des kretischen Königs Minos, hat dem athenischen Prinzen Theseus ein Wollknäuel gegeben, das dieser beim Gang durch das Labyrinth des Minotaurus abrollen lässt. Nachdem er den Minotaurus bezwungen hat, findet er durch diesen Leitfaden zum Eingang des Labyrinths zurück.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-11-24 17:53:05
Letzte ─nderung am 2015-11-25 10:30:03



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