• vom 13.12.2015, 11:00 Uhr

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Bittere Süße




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

    Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol. Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

    Die gute Nachricht: Es ist wieder Weihnachtskekse-Zeit! Die schlechte Nachricht: Vom Verzehr von Weihnachtskeksen wird dringend abgeraten, denn sie weisen einen in seiner für die Gesundheit fürchterlichen Konsequenz bisher weit unterschätzten Bestandteil auf: Zucker!

    Warum ich diesbezüglich so sensibel bin: Weil es Filme gibt, die entsetzlich nachhaltig wirken. Das sind nicht vorrangig Filme über das Böse in der Welt - damit werden wir ständig konfrontiert. Nein, ich machte kürzlich den Fehler, mir mit Freunden die Dokumentation des australischen Regisseurs Damon Gameau "Voll verzuckert - That Sugar Film" anzuschauen. Ein Selbstversuch, bei dem der durchtrainierte und sich bis dahin gesund ernährende Mann drei Monate lang täglich 16 Deka Zucker aß - die Durchschnittsration australischer Jugendlicher.

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    Wir nahmen den Film erst gar nicht so ernst, reichten im dunklen Kinosaal noch fröhlich Gummibärchen und kandierte Früchte herum. Das Rascheln der kleinen Tütchen wurde allmählich leiser und unsere Sympathie für die Zuckerindustrie schwand, als wir bei Damon die Folgen seiner Ernährungsumstellung vor Augen geführt bekamen: Obwohl er weiterhin sein tägliches Sporttraining absolvierte, sich von Fast Food fernhielt, die Kalorienzufuhr nicht erhöhte und sich auf Zucker beschränkte, der nicht sofort ersichtlich ist, weil er zum Beispiel in oft als gesund verkauften Smoothies, Müslis und in fettarmen Joghurts steckt, nahm er innerhalb der drei Monate ca. 8 Kilo an Gewicht und zehn Zentimeter an Bauchumfang zu und sein Arzt attestierte ihm erste drastische Anzeichen einer Fettleber, was bei Beibehaltung dieser Ernährung eher über kurz als über lang zu Diabetes führen würde.

    Abgesehen von den Folgen auf das eigene Vorsorgeverhalten wird sich nun bald wieder eine Änderung in der Gesundheitspolitik vollziehen. Auf jeder Sachertorte wird die Warnung prangen: Dieses Stück Torte versüßt nicht Ihr Leben, sondern gefährdet es! Statt hübscher Verzierungen auf Kuchen und Èclairs wird ein Totenkopf aus Marzipan obligat. Konditoreien werden möglicherweise behördlich verboten und in Cafés müssen sich die Zuckernascher in kleine Kämmerlein quetschen, während es sich die Abstinenzler in der geräumigen zuckerfreien Zone bequem machen und sich darüber alterieren, welch enorme Summen diese Süchtler die Steuerzahler kosten.

    Aber wir wären nicht Menschen, würden wir nicht auch besorgniserregende Botschaften zu unseren Gunsten interpretieren. Fazit des Kinonachmittages: Die erste Gruppe meinte, Sport sei gar nicht so wirksam, denn Damon Gameau hätte ja weiter Sport betrieben und trotzdem drastisch an Gewicht zugelegt. Die zweite Gruppe fühlte sich in der Annahme bestätigt, dass bei der Ernährung nicht das Fett das große Übel sei und besorgte sich beim Fleischhauer Leberkässemmeln.




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    Dokument erstellt am 2015-12-11 15:56:05



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