• vom 16.02.2016, 16:21 Uhr

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Update: 18.02.2016, 10:26 Uhr

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Wenn ein Mann zur Obfrau wird




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Im Statut der Klagenfurter Grünen werden nur noch weibliche Formen verwendet - eine neue Facette der Gender-Debatte.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über dieSprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amaltheaerschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über dieSprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amaltheaerschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über dieSprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amaltheaerschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Eine Aussendung der Klagenfurter Grünen hat kürzlich für Aufsehen gesorgt. Reinhard Schinner, Chef der Stadtgrünen, ließ verkünden, dass alle Mitglieder "im Statut ab sofort mit der weiblichen Geschlechtsform zu bezeichnen sind". Statt die männliche Form zu verwenden oder zu gendern, wird nun im Statut alles weiblich: Aus dem Obmann wird die Obfrau, aus dem Referenten die Referentin. "Wir setzen damit für die weibliche Mehrheit der Bevölkerung ein klares Signal, dass sie auch in der Sprache sichtbar sein darf. Das ist positive Diskriminierung", sagt Schinner.

Positive Diskriminierung - in der traditionellen Logik nennt man so etwas Contradictio in adiecto: eckiger Kreis, schwarzer Schimmel usw. Wie kann eine Partei gegen Diskriminierung auftreten, wenn es für sie auch eine positive Variante gibt? Nun könnte man meinen: Wenn die Klagenfurter Grünen das Statut ändern, dann ist das so bedeutend, wie wenn in Peking ein Rad umfällt. Bemerkenswerter war ein positiver Kommentar auf
"derStandard.at". Dort schrieb der stellvertretende Chefredakteur Rainer Schüller, die negativen Reaktionen auf die Aktion der Grünen seien "ein Beleg dafür, wie schwer sich Männer mit dem Gedanken tun, beispielsweise Berufsbezeichnungen, die vielfach in der maskulinen Form gebraucht werden, in eine feminine umzudrehen". Die Häme darüber sei ein Beweis "für die sture Einseitigkeit der männlichen Betrachtungsweise".


In dieses Eck lasse ich mich nicht drängen. Ich bin für die Gleichberechtigung, wäre froh, wenn in den Gehaltsstatistiken die Frauen gleichauf mit den Männern lägen, würde mich freuen, wenn die Hälfte der Vorstandsmitglieder in den Unternehmen Frauen wären. Aber ich bin auch ein gelernter Germanist. Dass Frauen das Gefühl haben, sie sind nicht "mitgemeint", wenn von einem Arzt oder von Ärzten die Rede ist, halte ich für ein Gerücht. Und wenn in einer Parteiorganisation eine Frau an der Spitze steht, ist sie Obfrau, wenn ein Mann dort steht, ist er Obmann. Die Klagenfurter Grünen wollen nicht den Unterschied zwischen grammatischem Geschlecht und biologischem Geschlecht begreifen. Es gibt das generische Femininum, bei dem auch die Männer einbezogen sind, zum Beispiel "die Geisel", das generische Maskulinum, bei dem ebenfalls beide Geschlechter gemeint sind, zum Beispiel "der Mensch", und das generische Neutrum, zum Beispiel "das Staatsoberhaupt" - wenn Frau Irmgard Griss die Bundespräsidentenwahlen gewinnen sollte, wäre sie weder eine "Menschin", noch eine "Staatsoberhäuptin", aber natürlich "Staatspräsidentin". Ich glaube nicht, dass den Frauen geholfen wäre, wenn Alexander Van der Bellen sich eines Tages als "Bundespräsidentin" bezeichnen ließe oder alle männlichen Vorstandsmitglieder "Vorstandsmitgliederinnen" wären.

Auf YouTube sind Vorträge von Wissenschaftern abrufbar, die behaupten, die deutsche Sprache sei kaputt, weil sie nicht in der Lage ist, Frauen "mitzumeinen". Dann wären die meisten Sprachen kaputt, auch das Englische. Dort heißt es "she is a teacher", und niemanden regt das auf. Während bei uns "Lehrerin" ein gängiger Ausdruck ist, wird "teacheress" im englischen Sprachraum abgelehnt. Das Deutsche ist frauenfreundlicher als das Englische.




Schlagwörter

Glosse, Feuilleton, Genderdebatte

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-16 16:26:07
Letzte ─nderung am 2016-02-18 10:26:03



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