• vom 08.07.2016, 17:28 Uhr

Glossen

Update: 11.07.2016, 11:44 Uhr

Satire

Ich werde kulturell unterdrückt




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Oder: Herzliche Grüße aus der Parallelgesellschaft.

Zurzeit fürchten sich ja sehr viele Menschen vor fremder kultureller Hegemonie. Vor "dem Islam" etwa. Der würde ja gerade ins Nachbarhaus einziehen und uns seine Vorstellung über Innenarchitektur aufzwingen (Stichwort: Teppichhändler). Nur leider ist gar nicht klar, wer "der Islam" eigentlich sein soll.

Laut Wikipedia gibt es etwa 1,6 Milliarden Menschen weltweit, die sich als Muslime definieren und die irgendwo zwischen Marokko und der hintersten Insel Indonesiens wohnen. Und die sollen alle exakt dieselben Vorstellungen des Zusammenlebens teilen? In etwa so, wie ja auch von Russland über Norwegen und Spanien, bis nach Kalifornien und Chile und weiter bis zu den Philippinen überall Christen wohnen, die sich auch alle total einig sind, was Tischmanieren, Anbahnung von Sexualkontakten und Verhalten im Straßenverkehr angeht?

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Hand aufs Herz: Allein die Moralvorstellungen von mexikanischen Drogenbossen mit denen eines Schrebergartenbesitzers in Wien-Liesing zu synchronisieren, dürfte eine schwierige Aufgabe sein. Und das, obwohl möglicherweise beide gerne von Schusswaffen Gebrauch machen. Von den unterschiedlichen Ausprägungen der beiden Religionen wollen wir gar nicht reden. Aleviten, Bahai oder Sufis haben mit den Wehrsportgruppen des sogenannten "Islamischen Staats" in etwa so viel zu tun wie eine schottische Presbyterianer-Gemeinde mit der Pius-Bruderschaft. Andererseits könnte vielleicht die Pius-Bruderschaft mit so manchem Salafisten Gemeinsamkeiten entdecken.

Wenn man also nur zur Differenzierung neigt, könnte sich so manche kulturelle Bedrohung in Luft auflösen. Bei mir ist das allerdings anders. Ich werde tatsächlich seit Jahrzehnten kulturell von fremden Mächten unterdrückt. Direkt vor meiner Haustür regiert der Totalitarismus des Habens, des Habenwollens und Habenmüssens. Millionen von fanatisierten Gemütszombies lassen sich von den Hochämtern der Geschmack- und Geistesfreiheit blenden und verfolgen freiwillig - und ohne dazu mit Waffengewalt gezwungen worden zu sein - Verblödungsmessen mit Namen wie "Dancing Stars", "Sing meinen Song", "Dschungelcamp", "DSDS" oder "LMAA".

Hirngewaschene Jungmenschen werden nach einem Besuch im Blutklamottenhändler Primark von Heidi Klum in die Magersucht oder von "Call of Duty" in den Waffenfetischismus getrieben. Ich teile öffentliche Verkehrsmittel mit Menschen, die tatsächlich der Meinung sind, Herbert Grönemeyer wäre ein Musiker, Veronica Ferres eine Schauspielerin und die FPÖ die Partei der kleinen Leute. Die Straßen sind voller Menschen, die lieber im Mittelalter leben würden, zuhause Waffenarsenale anlegen und mit ihren Kleinfamilienpanzern überraschenderweise keinen Parkplatz finden.

Ja, in ganz Europa herrscht eine Unkultur, in der für einen Großteil der Bevölkerung Erklärungen, die länger als eineinhalb Minuten dauern, schlicht unverständlich sind, weil sie nicht in der Lage sind, sich so lange ohne ihr Smartphone zu konzentrieren. Eineinhalb Minuten? Ohne Katzenvideos? Oida, das sind ja mindestens vier Werbespots! So werde ich Tag für Tag kulturell ins Abseits gedrängt. Und? Was mach ich dort? Kochen, Lesen, Platten hören... oder Glossen schreiben, zum Beispiel. Das wird man ja noch sagen dürfen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-08 17:32:03
Letzte nderung am 2016-07-11 11:44:03



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