• vom 16.08.2016, 16:43 Uhr

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Update: 24.08.2016, 16:17 Uhr

Sedlaczek

"Na, wenn sogar die EU-Kommission diesen Ausdruck verwendet"




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Ein Übersetzer des Europäischen Rechnungshofes dekuvriert den EU-Jargon: Manche Wörter gibt es im Englischen gar nicht.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Jeremy Gardner ist kein Besserwisser, sondern ein Mann mit Humor. Seine im Internet abrufbare Zusammenstellung "Misused English words and expressions in EU publications" bringt einen immer wieder zum Schmunzeln.

Die Sammlung hat heftige Reaktionen ausgelöst. Die einen meinten, das Englische sei heute die Lingua franca und deshalb müsse man akzeptieren, dass sich das EU-Englische nach eigenen Regeln entwickelt. "Warum soll man sich immer danach orientieren, was ein englischer Native Speaker für richtig hält?" Andere meinten, dass sich manch falscher Ausdruck in der EU inzwischen verfestigt habe und unverzichtbar geworden sei. Oft war zu hören: "Na, wenn ihn sogar die EU-Kommission verwendet, dann sollten wir es auch tun, wenngleich es falsch ist." Jeremy Gardner sieht das anders. "Die europäischen Steuerzahler sind unsere Kunden, sie haben ein Recht darauf, dass wir mit ihnen gut kommunizieren."


Mit den Standardirrtümern im Bereich der modernen Techniken gibt sich Gardner nicht ab. Inzwischen wüssten auch viele englische Native Speaker, was mit Handy gemeint ist (in England "mobile", in den USA "cell phone") und dass wir gern statt "to text" die im Englischen nicht gebräuchliche Formulierung "to send an SMS" verwenden.

Nein, wenn man den EU-Jargon dekuvrieren will, muss man tiefer schürfen. Was Gardner aufregt, sind beispielsweise Wörter, die es im Englischen gar nicht gibt ("comitology", "to decommit", "externalisation" etc.), grammatikalisch falsche Satzkonstruktionen ("allow to" ohne Objekt) und die exzessive Verwendung von "third country" - meist ist damit ein Land gemeint, das nicht Mitglied der EU ist. In einem weiteren Sinn kann es sich auch um ein Land handeln, "das nicht zu jener Gruppe von Ländern gehört, über die wir gerade reden". Dass dies zu Missverständnissen führen kann, zeigt folgendes konstruiertes Beispiel. "He has a Schengen visa but he is not allowed to work in third countries." Bedeutet das "non-Schengen countries" oder "non EU-countries"?

Gardners Formulierungskunst wird deutlich, wenn er sich darüber lustig macht, dass Großbritannien und die USA unter dem Adjektiv "Anglo-Saxon" zusammengefasst werden. "Im Englischen versteht man darunter die westgermanischen Völker der Angeln, Sachsen und Jüten, die im 5. Jahrhundert nach Britannien abwanderten. Es gibt also keine ,Anglo-Saxon agency‘ und keinen ,Anglo-Saxon capitalism‘, und die angelsächsische Sprache existierte nur bis zum 12. Jahrhundert." Besonders unpassend sei der Begriff, wenn er auf die Iren, Schotten und Waliser bezogen wird. "Deren nationale Identität basiert darauf, dass sie nicht von den Angelsachsen abstammen."

Die falschen Wortbedeutungen und die grammatischen Fehlkonstruktionen des EU-Englischen stammen häufig aus dem Deutschen. Mit dem Austritt Großbritanniens wird es nicht besser werden. Eine Hauptschuld tragen deutsche und österreichische EU-Politiker und EU-Beamte, die ihre Muttersprache verleugnen und lieber mangelhaftes Englisch reden. Dabei sind die Menschen mit deutscher Muttersprache innerhalb der EU eindeutig in der Mehrheit, Großbritannien noch mitgerechnet.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-16 16:47:09
Letzte Änderung am 2016-08-24 16:17:07



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