• vom 20.09.2016, 16:04 Uhr

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Update: 21.09.2016, 09:50 Uhr

Sedlaczek

Eine Kluft tut sich auf




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Die Tageszeitung "Heute" übte sich einen Tag lang im generischen Femininum - und ließ die Einstellung der Österreicher zum Binnen-I erheben.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Unter dem Motto "24 Frauen - nur Frauen! - machen Zeitung" ist letzten Mittwoch die Gratiszeitung "Heute" mit dem Titelkopf "die Heute" erschienen. Die Redaktion holte sich Verstärkung von außen - Redakteurinnen anderer Medien halfen mit.

Es war ein interessantes und durchaus gelungenes Vorhaben, es bewies, dass Frauen bei der Themenauswahl andere Akzente setzen als Männer. Eingangs vermerkte die Chefin des Projekts unter der Überschrift "Liebe Leserinnen!": "Wenn es möglich ist, verwendet ,die Heute‘, die weibliche Plural-Form - Männer sind freundlich mitgemeint."

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Dieses "generische Femininum" hat seine Tücken, weil es von den geschlechtsneutralen Pluralformen nur aus dem Kontext heraus zu unterscheiden ist. "2,39 Mio. Passagierinnen nutzten Wiener Flughafen" lautetet eine Überschrift. Erst im Text wird es eindeutig, die Männer sind mitgemeint: "Das Passagieraufkommen stieg im August um 0,2 %." Andererseits: "Rennen um die Hofburg: 22.300 neue Wählerinnen." Da sind nur die Frauen gemeint. Im Text erfahren wir, dass auch 23.300 Männer erstmals wählen.

Manchmal wird aus dieser Zweideutigkeit eine journalistische Pointe. Wenn die Zeitung "250 Leserinnen" zur Premiere von "Ein Fisch namens Dorie" lädt, weiß man nicht, ob Männer kommen dürfen. Erst am Schluss wird es geklärt: "Auch Leser dürfen abtauchen." Das generische Femininum hat mehr Witz als das Binnen-I.

Es war übrigens die Zeitung "Heute", die vor kurzem die Akzeptanz des Binnen-I vom Meinungsforschungsinstitut "Unique Relations" erheben ließ. Befragt wurden 500 Personen per Telefon, das Institut hat mir freundlicherweise die Ergebnisse zur Verfügung gestellt. Die Frage wurde so formuliert: "In geschriebenen Texten wird ja immer wieder das großgeschriebene Binnen-I verwendet, um geschlechtsneutral zu formulieren. Wie finden Sie persönlich diese geschlechtsneutrale Formulierungsart?" 10 Prozent meinten "sehr gut", 25 Prozent "eher gut", 20 Prozent "weniger gut" und 35 Prozent "gar nicht gut". Fasst man die Positionen "sehr gut" und "eher gut" bzw. "weniger gut" und "gar nicht gut" zusammen, so ergibt sich ein Verhältnis von 35 Prozent Befürworter zu 55 Prozent Gegner. Der Rest von zehn Prozent fällt unter "weiß nicht/keine Angabe".

Besonders stark zugunsten der Befürworter schlägt das Pendel bei den Grünwählern aus: 62 zu 35 Prozent. Aber immerhin: Ein Drittel der Grünwähler ist gegen das Binnen-I! Auch bei den SPÖ-Wählern stellen die Befürworter mit 52 zu 34 Prozent eine Mehrheit dar. Ganz anders sieht es bei der ÖVP und bei der FPÖ aus. Bei den ÖVP-Wählern sind die Befürworter mit 26 zu 61 Prozent in der Minderheit, bei den FPÖ-Wählern mit 30 zu 65 Prozent. Aber doch ein knappes Drittel der FPÖ-Wähler ist für das Binnen-I!

Wie erwartet sind eher Frauen als Männer für das Binnen-I. Aber die Unterschiede sind nicht so gravierend. Bei den Männern machen die Befürworter 31 Prozent aus, bei den Frauen 39 Prozent. Eine ablehnende Haltung haben 63 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen.

Fazit: Wenn es um das Binnen-I geht, tut sich eine Kluft auf: innerhalb der Parteien und innerhalb der Geschlechter.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-20 16:08:04
Letzte Änderung am 2016-09-21 09:50:06



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