• vom 14.10.2016, 16:50 Uhr

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Wer hat Angst vorm weißen Mann?




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Von Isolde Charim

  • Populisten und ihre Wähler.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.© Daniel Novotny Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.© Daniel Novotny

Das zweite Duell Clinton-Trump war gnadenlos deprimierend: Frau trifft auf Macho, der die Debatte in einem Schlamm versenkt, aus dem es kein Auftauchen mehr gibt.

Aber wie man weiß, erwachsen ihm seine Chancen nicht trotz, sondern gerade ob seiner Rüpelhaftigkeit. Genau darin erkennen sich seine männlichen Wähler wieder. Wer aber sind diese weißen Männer, diese Bastion der Populisten allerorts - auch hierzulande?

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Die Einschätzung der Kommentatoren schwanken: Einmal sind dies die sozial und ökonomisch Abgehängten - ein anderes Mal sind es jene, die sich abgehängt fühlen. Sind sie nun real abgehängt oder nur gefühlt? Sind es die Arbeitslosen, die ökonomisch Perspektivlosen, also die real Deklassierten? Oder sind es jene, die sich abgehängt und nicht repräsentiert fühlen? Es trifft wohl beides zu. Und kann sich auch noch verbinden. Es gibt wohl kaum Verlierer ohne Kränkung. Aber es gibt sehr wohl Gekränkte ohne reale Verluste. In jedem Fall aber ist es das Gefühl, das die Sache so schwierig macht.

Ginge es "nur" um eine reale ökonomische Ungleichheit, dann wäre die Lösung des Problems zwar nicht einfach, aber zumindest eindeutig. Es bräuchte Beschäftigungsprogramme, Umverteilungskonzepte, Konjunkturförderungen. Ein breites Feld für solide Realpolitik. Die gefühlte Ungleichheit verhindert aber solche Lösungen.

Denn diese Männer erleben sich ja als doppelt angegriffen: Zum einen von den Eliten, die sie abhängen, indem die Differenz zwischen Arm und Reich jegliches gesellschaftstaugliche Maß verliert. Zum anderen aber von allen Arten von Minderheiten, die zwar statusmäßig unter ihnen stehen sollten, die sich aber wider jede (alte) Logik gerade über ihren Opferstatus behaupten. Die Political Correctness erscheint ihnen als jene Verkehrung der gesellschaftlichen Hierarchie, die den weißen Männern neben ihren ökonomischen Verlusten auch noch ihre Hegemonie und Selbstachtung genommen hat. Sie können sich Frauen, Schwarzen, Fremden, Homosexuellen gegenüber nicht mehr überlegen fühlen. Nicht nur in ökonomischer Hinsicht stehen sie ganz unten, sondern auch in der gesellschaftlichen Achtung - wenn diese sich über den Opferstatus bestimmt. Denn weiße Männer sind jene Gruppe, die in dieser Ordnung keinen Anspruch auf den Opferstatus hat. Selbst für ökonomisch Ausgebeutete und Abgehängte ist dieser schwierig.

Deshalb ist in dieser männlichen Schicht die gesamte Palette von Vorurteilen so verbreitet: von frauenfeindlich bis xenophob. Und deshalb greifen linke oder liberale Konzepte bei ihnen nicht: Allianzen der Abgehängten sind da nicht möglich. Denn diese anderen sind ja mit schuld an ihrem Elend. Da kann es keine verbindende Kategorie geben, die sie vereinen könnte. Clintons Parole "Strong together"? Mit ihnen nicht. Für sie gibt es keine Ermächtigung über die Opfererzählung - ebenso wenig wie über die Siegererzählung. Ihr Misstrauen gegen das politische System ist somit doppelt erschüttert. Deshalb finden sie sich nur in jenen wieder, die ihre Männlichkeit sowohl nach unten als auch nach oben "wiederherzustellen" versprechen - in jenen also, die das politische und gesellschaftliche System chaotisieren.




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Dokument erstellt am 2016-10-14 16:56:08



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