• vom 05.11.2016, 11:00 Uhr

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Tu felix Gallia!




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.

    Andreas Wirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München. Andreas Wirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.

    Ach, tu felix Gallia, glückliches Frankreich, du hast es besser! Moment mal, was soll das denn heißen? Terror, Wirtschaftskrise, Marine Le Pen ante portas, ein derart selbstquälerisches Schwelgen in Niedergangsszenarien (das den schönen Namen "déclinisme" trägt), dass man sich manchmal fragt, ob nicht der gute Leopold von Sacher-Masoch in Wirklichkeit Franzose war (und der Marquis de Sade vielleicht Österreicher?) - und dieses Land soll nicht nur glücklich sein, sondern uns auch noch etwas voraus haben?

    Kaum zu glauben. Aber jetzt pass auf, würde Wolf Haas’ Brenner sagen. Denn auf das wilde Liebesleben der französischen Staatsoberhäupter sollten wir durchaus neidisch sein. François Hollande als Sozius auf dem Motorrad nächtens unterwegs zur knackig-jungen Geliebten; der liebestolle Nicolas Sarkozy, der sein Geturtel mit der Diseuse Carla Bruni mit großem Tamtam inszenierte; und jetzt auch noch 1280 (!) Seiten Liebesbriefe von François Mitterrand an Anne Pingeot, die Frau, mit der er über 30 Jahre lang ein Liebesverhältnis pflegte, ohne sich deshalb von seiner Frau Danielle zu trennen. Bitte, wie hätte das auch ausgesehen als guter Katholik! Und ob du es glaubst oder nicht (noch einmal der Brenner): Diese Briefe, die jetzt in gediegener Ausstattung bei Gallimard erschienen sind, sind ausgesprochen anrührend. Mehr noch: Sie sind klug, elegant, tiefsinnig, anspielungsreich, und sie zeigen, dass hier nicht nur ein "homo politicus" am Werk war, sondern ein wahrer homme de lettres.


    Ein Mann, der nicht nur Gefühle hatte, sondern sie auch noch auszudrücken wusste. Seither ertappe ich mich des Öfteren bei seltsamen Gedankenspielen. Wäre es vorstellbar, dass in, sagen wir, 50 Jahren bei Suhrkamp ein Band mit Angela Merkels Briefen an Mirko oder Ronnie erscheint? Oder mit Gerhard Schröders vorehelichen Liebesbekundungen an Doris? So richtig glauben mag man das nicht, und irgendwann landet man dann, wie so oft, bei Helmut Schmidt (Gott hab’ ihn selig), dem letzten Kanzler der Bundesrepublik, dem man so etwas zutrauen würde. Eine durchaus nachhaltige Affäre hatte er ja offenbar tatsächlich, wie er vor ein paar Jahren bekannte, nur die Briefe fehlen leider noch.

    Aber siehe da, ex oriente lux! In Österreich nämlich keimt Hoffnung (zumindest für mich als Piefke): dass wir irgendwann in ferner Zukunft die Briefe von Kanzler, nein, nicht Faymann, sondern Kern an eine Kreszenz oder von Sebastian Kurz an ein fesches Mädel aus Meidling zu lesen bekommen. Oder von Raucher van der Bellen an eine resche Trafikantin. Ach, tu felix Austria! Wäre da nur nicht der Hofer. Bei dem versagt selbst meine Fantasie.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-11-04 18:11:12
    Letzte ─nderung am 2016-11-04 18:14:06



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