• vom 01.12.2016, 15:48 Uhr

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Kunstsinnig

Und wen wählen Sie? (Sagen Sie’s bitte nicht!)




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Wie geheim ist die Wahl am 4. Dezember überhaupt noch? Muss endlich die Schweigepflicht für Wähler eingeführt werden?



Jetzt hätte der HC Strache fast doch noch recht behalten. Letzte Woche wäre in Österreich ja um ein Haar tatsächlich ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Zwischen dem Lopatka und dem Mitterlehner. Weil der eine Reinhold zum blauen Präsidentschaftskandidaten hält (und das noch dazu offen zugibt) und der andere Reinhold zum unabhängigen Grünen (aber das wenigstens ein bissl diskreter). Zum Glück ist eh nix passiert. Der Innenminister, der Sobotka, hat jedenfalls nichts bemerkt. ("Ich seh keinen Streit.") Und der hätte es ja wohl mitkriegen müssen, wenn es an seinem Arbeitsplatz, also auf österreichischem Staatsgebiet, zu Kampfhandlungen gekommen wäre.

Hm. Hat nicht irgendwann einmal ein Wahlgeheimnis existiert? Ist das klammheimlich abgeschafft worden? Nein, anscheinend ganz öffentlich. Von den Wählern selbst. Die outen sich seit Monaten geradezu massenhysterisch. Beinah täglich verkündet irgendein Bürgermeister, Ex-ÖVP-Obmann, Pfarrer oder Stratosphärenspringer im Fernsehen oder sonstwo, bei wem er sein Kreuzl machen wird. Daran ist nur Facebook schuld. Das hat alle zu Exhibitionisten erzogen. Zuerst hat es die Leute dazu gebracht, Bilder von jeder Mahlzeit zu posten, und inzwischen lässt man sich genauso bereitwillig auf den Stimmzettel schauen. Manche haben sogar ein Profilbild mit Werbeeinschaltung. Blenden einen Slogan ein: "VdB! / Mehr denn je." Super skandierfähig. (Beim Hofer ginge das freilich noch zackiger: "H! / Ja.") Ui, da wird’s ein Gemetzel geben. Wilde Entfreundungsorgien. "Wer den andern wählt, der soll sich gefälligst aus meiner Freundesliste verzupfen!" Jahrelange Freundschaften mit Wildfremden, die man niemals getroffen hat, werden zerbrechen. Für den Weltfrieden in Österreich kann das nicht gut sein.

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Tja, das kommt eben davon, wenn die Wähler vor der Stimmabgabe keine Verschwiegenheitsvereinbarung unterschreiben müssen. (Und wenn sie über ihre Wahlentscheidung nicht Stillschweigen bewahren, fliegen sie aus dem Wählerverzeichnis.) Wähler unterliegen halt nicht der Schweigepflicht. Wieso eigentlich nicht? Wir würden uns Umfragen ersparen, die das Wahlergebnis offenbar so stark beeinflussen, dass es mit ihnen nicht im Geringsten mehr übereinstimmt.

Okay, ich bin keinen Deut besser. Ich hab ja ebenfalls verraten, wen ich wählen werde: keinen. Was natürlich keine Wahlempfehlung für niemanden sein sollte. (Außerdem: Nichtwähler machen doch bloß von diesem ominösen "passiven Wahlrecht" Gebrauch, oder?) Ich überlasse das Ankreuzen einfach der Mehrheit. Die kennt die richtige Antwort. Die hat in einer Demokratie immer recht.

Grad erst haben Alt-Bundespräsident Heinz Fischer und Alt-Bundespräsidentschaftskandidatin Irmgard Griss eine Pressekonferenz zu ihrem Wahlverhalten gegeben. Hm. Schön langsam wird’s brenzlig. Nicht dass der Verfassungsgerichtshof die Stichwahl 2.0 wieder aufheben muss. Weil das Wahlgeheimnis nimmer gewahrt ist. Da wär’s dann auch schon wurscht, wenn diesmal statt der Wahlkuverts die Wahlzellen auseinanderfallen täten. (He, wird dem nächsten Bundespräsidenten, so er am 26. Jänner wirklich angelobt wird, ein halbes Jahr von seiner Amtszeit abgezogen, weil er ja bereits seit dem 8. Juli im Amt sein sollte?)

Vielleicht reden wir in den nächsten Tagen also lieber nur übers Wetter.




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Dokument erstellt am 2016-12-01 15:53:08



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