• vom 11.12.2016, 16:00 Uhr

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Spendierhosenzeit




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.

    Weihnachtszeit ist bekanntlich Spenden- und Spendierhosenzeit. Schon seit Wochen bombardieren mich teils mehr, teils weniger seriöse Hilfsorganisationen mit ihren Bettelbriefen. So viel Elend auf dieser Welt, und gerade jetzt zum Fest der Liebe wäre es doch umso schöner, wenn man . . . Landet alles im Papierkorb. Nicht dass ich nichts gebe, aber ich mache das lieber regelmäßig und vor allem jahreszeitenunabhängig.

    Apropos Jahreszeit: Der letzte Monat des Jahres treibt auch die Bettler und Musiker wieder in Scharen auf die Straßen. Allenthalben sitzt jemand am Wegesrand und will mit mitleidheischendem Blick an mein Geld. Manchmal erbarme ich mich und gebe ein paar Münzen, aber die Frage, wer es wirklich nötig hat und bei wem ich nur die Bettelmafia beglücke, stellt sich immer wieder aufs Neue. Bettler mit Hund ignoriere ich grundsätzlich, weil ich erstens Hunde nicht besonders mag und deshalb zweitens der Meinung bin, wenn man schon selbst nichts zu essen hat, dann sollte man sich wenigstens von seinem Mitesser trennen.

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    Das klingt jetzt natürlich hart, aber ohne eine gewisse Mitleidlosigkeit - andere sprechen von Liebe frei von Mitgefühl - sollte man in diesen Adventswochen lieber zu Hause bleiben. Auch zur Schau gestellte Verkrüppelungen oder Entstellungen bewirken bei mir das Gegenteil, während ich als Musikfreund noch die unbeholfensten Geigenkratzereien und Sangesversuche so anrührend finde, dass meist eine Spende herausspringt.

    Wer allerdings "Stille Nacht" oder "Oh du fröhliche" zum Besten gibt, hat sich meine Sympathien sofort wieder verscherzt. In München wird zum Glück überwiegend still gebettelt, denn wenn ich eines nicht leiden kann, dann sind es Bettler oder Obdachlosenzeitungsverkäufer, die mein stets freundliches Nein ignorieren und zudringlich werden.

    Neulich in Wien ist mir das laufend passiert. Der eine insistierte, warum ich ihm denn nicht wenigstens eine Wurst beim "Würstelmausi" kaufen könne, das sei ja sozusagen das Mindeste. Ein anderer beschimpfte mich wüst, weil ich seinen völlig zerschlissenen "Augustin" partout nicht haben wollte.

    Und ein dritter (in einer Jacke, auf der hinten das Armani-Logo prangte, vermutlich eine billige Replik) wollte mir unbedingt eine Frage stellen, als ich das von ihm dargereichte Blättchen nicht haben wollte. Und empörte sich dann lauthals, dass man wohl noch das Recht habe, Fragen zu stellen und so weiter und so fort. Den "Augustin" habe ich dann übrigens doch noch gekauft, am Karlsplatz bei einem freundlich-fröhlichen Afrikaner, der den Eindruck erweckte, als sei sein mühseliges Tun die schönste Sache der Welt.

    AndreasWirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-12-09 13:41:06
    Letzte ─nderung am 2016-12-09 13:44:05



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