• vom 24.12.2016, 11:00 Uhr

Glossen


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Christbaum mit Flascherln




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien. Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Unlängst war ich wieder einmal in meiner Lieblings-Aida zu Gast. Die Serviererin, wir kennen einander schon lange, trug eine Weihnachtsmann-Zipfelmütze auf dem Kopf, ansonsten die typische rosafarbene Aida-Tracht. Anstatt mit dem üblichen "Auch wieder da? Was darf’s heute sein?" begrüßte sie mich mit den Worten: "Sagen S’ nix. Ich weiß, dass das furchtbar ausschaut."

    Ich bemühte mich, ihr zu versichern, dass ihr das Ding eh ganz gut steht; aber wenn man selbst vom Gegenteil dessen überzeugt ist, was man sagt, wirkt es natürlich nicht sehr glaubhaft. "Na, wenigstens ist mir schön warm darunter", versuchte die Kellnerin, die hier seit langen Jahren ihren Dienst versieht, ihrer Lage etwas Positives abzugewinnen.

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    Neben mir saß ein junges Paar, das etliche Säcke voll mit Geschenkspackerln neben sich abgestellt hatte und miteinander besprach, was noch alles und für wen zu besorgen sei. Die Listen waren lang und noch nicht gänzlich abgearbeitet. Ich kenne das aus früheren Jahren.

    Heuer habe ich erstmals in meinem Familien- und Freundeskreis, was meine Person betrifft, um eine Geschenkreduktion ersucht. Keine besonders originelle Idee, ich weiß. Aber wie so viele Menschen besitze ich genug an käuflich Erwerbbarem, besser gesagt, ein bisschen zu viel davon, vor allem eine ganze Regalreihe ungelesener Bücher. Den Durchschnittswert von 350 Euro, den diesmal laut KMU-Forschung Austria jeder Wiener für seine Weihnachtsgeschenke ausgegeben hat, schaffe ich somit nicht.

    Aber die Beschränkung tut wohl. Es fühlt sich ähnlich gut an wie eine Woche lang zu fasten. Das habe ich übrigens ein einziges Mal zwischen Weihnachten und Neujahr gemacht - eine tolle Erfahrung! Beides zusammen wäre zu Weihnachten eigentlich die richtige Kombination. Und dazu noch eine selbst auferlegte Alkoholbeschränkung. Die wäre jenem Herrn schon vor Weihnachten zu empfehlen gewesen, der Mitte Dezember in den Bus einstieg, und dem Fahrer die folgende Frage stellte:

    "Hast du schon Christbaum?" Verkürzter Satzbau, weil der Fahrer nicht Österreich-stämmig war. Dieser: "Ja." Nächste Frage: "Jetzt schon? Musst du aber gießen, damit Nadeln nicht abfallen. Am besten mit Wodka." Kein Kommentar des Chauffeurs.

    Darauf der Fahrgast, der nun einen grammatikalisch korrekten Satz formte, da es ausschließlich um ihn selbst und seine Gewohnheiten ging: "Ich häng mir Jägermeisterflascherln auf meinen Christbaum." Auch auf diese Bemerkung gab’s keine Antwort. Den Rest der einseitigen Konversation konnte ich nicht mehr mitverfolgen, weil ich aussteigen musste.

    Als ich kürzlich wieder meine Aida-Filiale aufsuchte, hatte die Serviererin ihre Zipfelhaube bereits abgelegt und lächelte wieder. Entspannung tut vor allem zu Weihnachten echt gut.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-12-22 17:38:02
    Letzte ─nderung am 2016-12-22 17:41:09



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