• vom 14.01.2017, 11:00 Uhr

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Schneekönige




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Sonne, graue Nebelsuppe, Feinstaub, kein Niederschlag weit und breit, nicht der leiseste Hauch von weißen Weihnachten - der Dezember ließ wieder mal nichts Gutes ahnen für den Winter 2016/17.

    Die vergangenen beiden Winter waren bereits als Totalrein- bzw. -ausfälle für ewig schmerzhaft in meinem Gedächtnis verankert. Und wer den Dezember überhaupt noch zu den Wintermonaten rechnet, der glaubt in seiner beinahe rührenden Naivität wahrscheinlich auch, dass aus Donald Trump doch noch ein halbwegs passabler US-Präsident werden könnte. Von der Verwandtschaft gab’s zu Weihnachten bereits Trostlektüre: Das eine Buch trug den schönen Titel "Als die Winter noch Winter waren" und versprach die "Geschichte einer Jahreszeit", das andere hieß "Schneegeschichten. Unterwegs zum vergänglichen Glück".


    Wobei ich persönlich das "vergänglich" lieber durch ein "vergangen" ersetzen würde. Wie zur Bestätigung lief im Fernsehen zwischen den Jahren eine Nostalgiereportage "Früher hat’s geschneit", die mir fast die Tränen in die Augen trieb.

    Ja, ich bin ein Freund des Schnees, des Winters, der eisigen Kälte. Ich sage das ganz offen, obwohl man sich hier in Deutschland nicht viele Freunde damit macht. Denn Deutschland ist ein Land, das diese Jahreszeit hasst. Im Winter jammern immer alle: Es ist so dunkel draußen, es ist so kalt draußen, es ist so rutschig draußen. Wenn Schnee kommt, gibt der Deutsche Wetterdienst allen Ernstes eine Unwetterwarnung heraus. Die Autofahrer könnten ja ins Schlingern kommen oder, noch schlimmer, in Schneewehen stecken bleiben. Und da der deutsche Autofahrer so ziemlich die heiligste Kuh in diesem Land ist, ist natürlich alles, was ihn seelisch oder monetär belastet, schlimm. Schnee also. Oder die böse österreichische Vignette auf dem Weg nach Kitzbühel. Oder der Spritpreis, der sozusagen der Brotpreis unserer Zeit ist (und deshalb Revolutionsgefahr birgt). "Schnee kommt" - in Deutschland klingt das immer wie eine Drohung. Und ist er tatsächlich einmal da, wird er mit allem, was Schaufeln und Streusalz hat, gnadenlos bekämpft.

    Deshalb schaue ich mir um diese Jahreszeit am liebsten den Wetterbericht im ORF an. Denn dort wird das Ausbleiben des vergänglichen Glücks sorgenvoll bedauert, und wenn Christa Kummer freudestrahlend verkündet, dass endlich die weiße Pracht vom Himmel fällt, wenn sie mit Wonne Worte wie "Pulverschnee" oder "Schneekönige" (das sind die Orte, die den meisten Schnee abbekommen) ausspricht, dann fühle ich mich eins mir ihr und der Welt. Kann es gar sein, dass ich im Herzen Österreicher bin? Gäbe es eine Winterstaatsbürgerschaft, ich wüsste, welche ich wählen würde.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-01-13 15:26:06
    Letzte nderung am 2017-01-13 15:29:05



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