• vom 18.02.2017, 11:00 Uhr

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Po-Assistent




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.

    Was wären wir nur ohne die Jugend von heute? Auf niemanden lässt sich bekanntlich so gut schimpfen wie auf die jungen Leute, die keinen Anstand mehr kennen, in der Tram ihren Sitzplatz nicht mehr für die klapprige Oma opfern, immer dümmer und dicker werden, sich nicht ordentlich anziehen, aufmüpfig sind, gleichzeitig Papa ewig auf der Tasche liegen. . . Die Liste der Klagen ist lang. Man könnte sogar sagen: Über die nachwachsende Generation zu jammern ist eine Art Konstante der Menschheitsgeschichte. Schon Sokrates klagte im alten Athen, die Jugend sei auch nicht mehr das, was sie früher einmal war.

    Ich muss gestehen, ich lamentiere ungern übers Jungvolk und bemühe mich, Nichten, Neffen und sonstigen Heranwachsenden stets ein offenes Ohr zu leihen. Am unverfänglichsten erfährt man etwas über ihre Gefühlslage, wenn man sie nach ihren Berufswünschen fragt.

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    Eine schöne Überraschung erlebten wir jüngst, als wir bei Freunden zum Essen eingeladen waren. Die beiden Töchter, 13 und 15 Jahre alt, saßen brav mit am Tisch, unterhielten sich eifrig mit uns Erwachsenen, und als wir fragten, was sie denn einmal werden wollten, antworteten beide im Gleichklang: Spielerfrau. Also die Schöne an der Seite eines berühmten (oder zumindest gut verdienenden) Fußballers, die aus Langweile meist in Mode oder Model macht und gerne betont, dass sie das alles natürlich auch ohne ihren kickenden Mann geschafft hätte. Ich muss gestehen, nach anfänglicher Irritation imponierte mir so viel Zielstrebigkeit gepaart mit Originalität. Warum eine lange Ausbildung machen oder studieren, wenn’s auch schneller geht?

    Mein Neffe, der sich gerade in der Berufsfindungsphase befindet, erklärte jüngst, er wolle am liebsten Po-Assistent werden. Auf meine leicht irritierte Nachfrage, was das denn sei und ob man dafür unbedingt Matura braucht, erklärte er mir: Das "It-Girl" Kim Kardashian beschäftige jemanden, der ihren Allerwertesten schminkt und aufhübscht, und so etwas wolle er auch machen, man verdiene da sicher gut, ohne sich zu überarbeiten. Eine Busenassistentin habe "Kim" (es klang, als spräche er über eine gute Bekannte) im Übrigen auch, aber dafür komme er ja wohl nicht in Frage.

    Ich nickte zustimmend, fast ein wenig neidisch. Früher träumte man davon, im Führerstand einer Lokomotive zu sitzen oder als Polizist für Ordnung zu sorgen, heute gilt die Sehnsucht der fachgerechten Bearbeitung irgendeines Promi-Hinterns. Ach, wäre ich noch mal jung! Persönlicher Po-Betreuer, Spielerinnenmann oder vielleicht Skifahrerinnengatte zu sein, das könnte ich mir tatsächlich gut vorstellen. Sehr gut sogar.




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    Dokument erstellt am 2017-02-17 15:51:13



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