• vom 19.02.2017, 11:00 Uhr

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Sex mit Schnarch




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Von Gerald Schmickl


    Kongeniale Kombination in 1040 Wien . . . - © Schmickl

    Kongeniale Kombination in 1040 Wien . . . © Schmickl

    Die große, nie endende Litanei der Kulturkritik, die bisher noch kein Medium verschont hat (erinnert sei nur an die strengen Warnungen aus dem 18. Jahrhundert, wonach das Lesen von Romanen - vor allem bei jungen Frauen - Hysterien und alle möglichen Abirrungen hervorrufe!), diese Litanei hat naturgemäß längst die sogenannten Sozialen Medien erreicht und infiltriert.

    Die verderben nun angeblich alles, was den klassischen Me-dien bisher (noch) nicht gelungen ist: So sind sie bei den Jüngeren u.a. verantwortlich für Konzentrationsstörungen (quasi mediales ADHS) und sozialen Autismus, bei den Älteren für digitale Demenz. Von der Verbreitung von Fake News für alle Altersstufen gar nicht zu sprechen.

    Dass Facebook etwa die soziale Häufigkeit von "Echt-Kontakten" verringere - und generell für eine Einschränkung des Blickwinkels sorge (weil man ständig aufs Handy schaue), kann ich hingegen keineswegs bestätigen. Bei mir ist das Gegenteil der Fall: Alte Bekannte tauchen per FB wieder auf und erinnern mich auf diese Weise nachdrücklich an ihre Existenz, sodass früher oder später fast immer eine persönliche (Wieder-)Kontaktaufnahme erfolgt.

    Und mein Blickwinkel hat sich erweitert. Seit ich auf Facebook gerne Fotos mit mehr oder weniger kuriosen Inhalten poste, hat sich meine Aufmerksamkeit dafür sprunghaft erhöht. Ich sehe nun Dinge, die mir vorher gar nicht aufgefallen wären, und meine für Assoziationen vieler Art offene Phantasie bekommt im Realen ständig neue Nahrung.

    Diese möglichst rasch zu veröffentlichen, habe ich nun eine passende Möglichkeit mehr. Auf dem klassischen Weg (wie etwa hier, welche Art des Publizieren ich natürlich ebenfalls sehr schätze und nicht missen mag) geht das nicht so unmittelbar. Der Übertragungsweg ist buchstäblich länger.

    Deswegen eignen sich klassische Medien auch besser für Inhalte mit längeren Gedankenketten. Reportagen, aber auch politische Kommentare (so sie mehr als eine simple Meinungsentäußerung sein wollen) finde ich auf Facebook fehl am Platz. Es ist viel mehr ein Medium des Augenblicks, der Präsenz (mehr noch als das Fernsehen, wie Enzensberger einst meinte).

    Dank Autorenname mehr ein Ein- denn Beischlaf-Buch . . .

    Dank Autorenname mehr ein Ein- denn Beischlaf-Buch . . . Dank Autorenname mehr ein Ein- denn Beischlaf-Buch . . .

    Was ich damit meine, lässt sich am anschaulichsten an zwei Beispielen zeigen. So habe ich etwa in meiner Wohngegend erst mit diesem animierten Poster-Blick den völlig kuriosen Zusammenfall zweier Wandelemente entdeckt. Auf einem Mosaik prangt dort der Spruch "Es gibt nur einen Adel: den Adel der Arbeit". Und genau darunter ist das Straßenschild angebracht: "Faulmanngasse"! (siehe Abbildung) - Das hatte ich zuvor jahrelang übersehen . . . Oder ich stoße im Buchladen auf folgende Preziose: "Die Psychologie sexueller Leidenschaft" - von David Schnarch . . .

    Auch Twitter sorgt - neben viel unnötigem Medialgezwitscher (und US-präsidialen Meinungsexzessen) - für kleine poetische Glanzlichter. Ein besonderer Spezialist dafür ist der Autor Peter Glaser, der fast täglich mit herrlichem Spontan-Slapstick erfreut. Zuletzt etwa mit diesem: "Alle Dekreter lügen". - Ist ja wahr!

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-02-17 15:57:07
    Letzte ─nderung am 2017-02-17 18:15:59



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