• vom 13.03.2017, 16:41 Uhr

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Update: 20.03.2017, 16:09 Uhr

Sprachschätze

Über die Hutschnur




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Von Hilde Weiss

  • Sprachschätze
  • Was haben Latzhosen und Linien mit Bastelarbeiten, Normen, Spaghetti, Enge, einem Rosenkranz und einem Paternoster gemeinsam?

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen. Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Immer mehr ist heute schnurlos, aber unser Wortschatz verändert sich nicht so schnell, er ist nach wie vor reichlich verschnürt. Eine kleine etymologische Schnursuche: Schnur und schnüren, Wörter des 11. Jahrhunderts, führen wahrscheinlich zu einer indoeuropäischen Wurzel für spinnen, zusammendrehen. Schnurstracks, "schnurstrecks" (schnurgerade), vom mittelhochdeutschen Verb strac für strecken. Immer seltener gibt es Schnürsenkel, "Schnürsenker", vom Senken, benannt danach, dass ursprünglich an den Enden Metallstückchen befestigt waren, interpretiert als Senkblei. Bundschuh wurde der Schnürschuh früher genannt.

Überall Schnüre, verbal: Zum Beispiel Spaghetti, "Schnürchen", vom italienischen Wort spago für Schnur, eng verwandt mit dem Spagat, und Linien, vom lateinischen Wort linum für Faden, Schnur, Flachs. Basteleien kommen vom Bast und vom mittelhochdeutschen Verb besten für schnüren, binden. Und beim Latz hat man es mit dem spätmittelhochdeutschen Wort laz für Schnürstück des Gewands zu tun, vom italienischen Wort laccio für Schnur, Schlinge und dieses, eng verwandt mit dem Lasso, vom lateinischen Verb lacere für locken. Die Enge geht wie die Angst auf ein indoeuropäisches Verb für beengen, einschnüren zurück.

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Stricke kommen vom lateinischen Verb stringere für schnüren, zusammenbinden (bestrickend), eng verwandt mit dem Strikten, dem Stringenten und über das Germanische auch mit dem Strang und der Strenge. Die Richtschnur war ursprünglich die Schnur der Bauhandwerker - richtig, "nach der Richtschnur ausgerichtet", ("ausgerichtigt"). Das Normale kommt vom lateinischen Wort norma für Richtschnur, Regel. Und über die Schnur hauen, das bezieht sich ebenfalls auf die Schnur des Maurers und Zimmermanns, früher auch übermachen genannt und, vor allem von Luther, über die Schnur fahren.

Das geht über die Hutschnur, die Schnur zur Befestigung des Huts (unter dem Kinn): Diese Redewendung wird in der Etymologie häufig als komische Übersteigerung interpretiert. Möglich ist aber auch, dass sie auf eine Wasserverordnung des 14.Jahrhunderts zurückgeht, wonach der Wasserstrahl aus Sparsamkeitsgründen nicht stärker als eine Hutschnur sein durfte. Wie am Schnürchen, das bezieht sich auf die Schnüre von Marionetten und/oder den Rosenkranz, der früher auch Schnur genannt wurde (von Gebetsschnur), und auf das manchmal damit praktizierte gedankenlose Herunterleiern von Gebeten. Die Bezeichnung Rosenkranzschnur kommt, an die islamischen, ursprünglich buddhistischen und hinduistischen Gebetsschnüre anschließend, vom kirchenlateinischen Wort rosarium, interpretiert als Kranz aus Rosen für Maria, zum Schmücken von Marienbildern.

Auch der Paternoster, "unser Vater", gehört hierher, seit mittelhochdeutscher Zeit ein Ausdruck für das Vaterunsergebet und den Rosenkranz, der früher auch Paternosterschnur genannt wurde, nach den Anfangsworten dieses Gebets, das im Rosenkranz die einzelnen Gesätze abschließt. Der Umlaufaufzug hieß ursprünglich, entstanden im 18. Jahrhundert, Paternosterwerk und war zuerst im Bergbau ein Hebewerk mit Körben, benannt nach der endlos durchlaufenden Gebetsschnur - und vermutlich auch, weil die Arbeit unter Tag so schwer und gefährlich war.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-13 16:44:06
Letzte nderung am 2017-03-20 16:09:13



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