• vom 19.03.2017, 16:00 Uhr

Glossen


Stadtspaziergang

Kurzbesuch im Biedermeier




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Von Hermann Schlösser




    Unscheinbar niedrig - so stehen sie in der belebten Nußdorferstraße, die drei Häuser mit den Nummern 54 bis 58. Sie wollen weder zum Verkehrsaufkommen vor ihren Türen passen, noch zu den gewichtigen Gründerzeitbauten, von denen sie auf beiden Seiten überragt werden. Sie entstammen einer entfernteren Zeit und erinnern daran, dass dieser Teil des neunten Wiener Bezirks bis 1850 den Namen "Himmelpfortgrund" trug und zur Pfarrgemeinde Lichtenthal gehörte.

    Dieses Lichtenthal war seinerzeit nicht dörflich-ländlich, sondern vorstädtisch: Locker bebaut mit eingeschoßigen Häusern, dazwischen Gärten, Felder und Werkstätten, und hie und da ein Adelspalast. So sah es überall aus zwischen den Mauern der Kaiserstadt (also dem heutigen Ring) und dem "Linienwall", der vorgelagerten Befestigungsanlage weit draußen (also dem heutigen Gürtel). Auf alten Bildern und Stichen lässt sich diese Vorstadtwelt noch studieren, aber in der Wiener Wirklichkeit finden sich davon nur noch spärliche Reste - etwa die drei bescheidenen Bauten auf der Nußdorferstraße.

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    Das Haus Nummer 54 kann übrigens besichtigt werden, denn hier wurde 1797 der Komponist Franz Schubert geboren. Seine Kindheitswohnung ist in eine kleine Gedenkstätte umgewandelt worden. Zu sehen sind hier Manuskripte in Schuberts flüchtig-schöner Notenschrift, aber auch die Brille, die der kurzsichtige Tonsetzer tragen musste, kann respektvoll bewundert werden. Man kennt sie von allen Schubert-Porträts, aber in seinem Geburtshaus liegt sie original in einer Vitrine und schaut die Besucher und Besucherinnen mit zerbrochenen Gläsern an.

    Das Haus, das im Inneren sehr viel geräumiger ist, als es von außen den Anschein hat, beherbergt auch eine Ausstellung, die mit Schubert nichts zu tun hat: Zwei Räume sind dem Andenken Adalbert Stifters gewidmet. Dieser Schriftsteller und Schulrat war ein leidenschaftlicher Maler, der sich einmal sogar zu der Behauptung verstieg: "Das Malen ist mir lieber als die ganze Welt".

    Drei kleine, unscheinbare Häuser.

    Drei kleine, unscheinbare Häuser.© Schlösser Drei kleine, unscheinbare Häuser.© Schlösser

    An diesem hohen Anspruch gemessen, sind die meisten seiner Bilder allerdings von gediegenem Dilettantismus: Die Gutwasserkapelle bei Oberplan wurde akkurat mit Bleistift abgezeichnet, Stifters Hund Putzi schaut gutmütig von einem netten Gemälde auf den Betrachter herab.

    Einige Werke lassen aber doch ahnen, dass der scheinbar so behäbige Biedermeiermensch Stifter genauso mit Abgründen und Dunkelheiten zu kämpfen hatte wie sein acht Jahre älterer Lichtenthaler Nachbar Schubert. Was zeigt zum Beispiel ein Tableau, das den Titel "Die Heiterkeit" trägt? Griechische Tempelruinen. Und wenn sich Stifter gar dem selbst gestellten Thema "Die Bewegung" malerisch nähert, dann bringt er abstrakte Kurven, Wellen und Ausbeulungen aufs Papier, die sehr viel moderner aussehen, als sie sind.

    Der Betrachter registriert diese kühnen Entwürfe mit Erstaunen, bevor er wieder auf die Nußdor-ferstraße hinaustritt, wo ihn der vertraute Autolärm des 21. Jahrhunderts sofort wieder einholt.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-03-17 12:21:02
    Letzte ─nderung am 2017-03-17 12:58:45



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