• vom 25.03.2017, 11:00 Uhr

Glossen


Glossen

Buch als Baumkiller




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Der März bringt uns nicht nur den meteorologischen und kalendarischen Frühling, sondern auch, egal wie das Wetter ist, das stets üppig knospende Bücherfrühjahr. In Köln wird vor meist ausverkauftem Hause gelesen, was das Zeug hält, die Stadt Leipzig ist während der Buchmesse ein einziger großer Lesesaal (in dem auch Waschsalons und Blumenläden plötzlich zu Orten der Literatur werden). Und in den Buchhandlungen stapeln sich all die ziegelsteindicken Romane und Sachbücher, die auf Käufer und Bestsellerehren hoffen. Eigentlich, so hört man, ist Lesen ziemlich out (vor allem bei der Jugend, schlimm, schlimm!), aber angesichts der Bücherflut, die sich alljährlich über uns ergießt, mag man diesem Abendlanduntergangsszenario nicht so recht Glauben schenken. Nicht einmal das E-Book war dem gedruckten Buch gefährlich geworden, und so könnte alles in bester Ordnung sein, wären da nicht - die Bäume.

    Die Bäume? Dieser Tage saß ich längere Zeit in einem Zug, der recht beschaulich über die Dörfer zuckelte, an jeder Milchkanne hielt und an all den unbeschrankten Bahnübergängen fröhlich vor sich hin pfiff. Ich hatte auf dem Tischchen vor mir den Manuskriptstapel einer Übersetzung ausgebreitet und korrigierte schon eine Weile darin herum, als sich in den Sitzen hinter mir zwei ältere Damen niederließen. Sie unterhielten sich recht angeregt, über das Wetter natürlich, über den neuen Pfarrer in ihrer Gemeinde, der "eine gute Kraft" zu sein scheine. Und darüber, dass früher so vieles besser war: Man schrieb noch Briefe, und zwar von Hand, die Jugend hatte noch keine Stöpsel in den Ohren und so weiter, man kennt das.

    Cartoon: Jugoslav Vlahovic

    Cartoon: Jugoslav Vlahovic Cartoon: Jugoslav Vlahovic

    Plötzlich sagte die eine: "Jeder will heute einen Bestseller schreiben, und keiner denkt an die Bäume!" Ich zuckte zusammen und schaute mich verschämt um. Nein, sie hatte dieses schneidende Verdikt offenbar nicht auf meinen Papierstapel bezogen. Trotzdem wurde ich nachdenklich: Wie vielen Fichten in finnischen Wäldern würde dieses kommende Werk, das da vor mir lag, das Leben kosten? Wären auch andere, edlere Baumarten betroffen? Was bedeutete das für das Weltklima? Bekanntlich speichern unsere Wälder CO2,, und wenn es wegen all der vielen Bücher nun immer weniger Bäume gab, würde sich die Erde dann noch schneller aufheizen als prognostiziert? Machte ich also nicht mit meiner bösen Tat (berufliche Beteiligung an der Bücherproduktion) meine gute Tat (Zug statt Auto) wieder zunichte?


    Mir wurde ganz blümerant bei all diesen Gedanken, hastig verräumte ich mein Manuskript, fummelte die Kopfhörer meines MP3-Players ins Ohr und erfreute mich an einem Hörbuch. Dafür, so war ich mir sicher, hatte kein Baum sterben müssen.




    1 Leserkommentar




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-03-23 17:51:07
    Letzte ─nderung am 2017-03-23 17:54:07



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Wir sind wieder wir
    2. Dann kommt garantiert die Rasierpflicht für Männer
    3. Alternative Zeitungsromantik
    4. Antiker Wahlgang
    5. Ei, ei!
    Meistkommentiert
    1. Dann kommt garantiert die Rasierpflicht für Männer
    2. Wie wählen Sie?
    3. Veränderung, kurz gesagt
    4. "Ich wähl ihm sicher ned den Job weg"
    5. Antiker Wahlgang

    Werbung




    Werbung


    Werbung