• vom 30.03.2017, 16:08 Uhr

Glossen


Kunstsinnig

Bald wird sowieso keiner mehr lesen können - müssen




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Wenn das so weitergeht, werden die Menschen irgendwann verlernen, wie man eine Seite in einem gedruckten Buch umblättert. Aber wen juckt’s?



Also irgendwie versteh ich diese ganze Jammerei nicht. Dann können halt 17 Prozent der Schüler nach acht Jahren in der Schule nicht einmal den simpelsten Text sinnerfassend lesen, na und? (Oder nach mindestens acht Jahren. Die Sitzengebliebenen muss man ja mitzählen.) Das ist doch in Wahrheit eine tolle Leistung. Hallo? 12.700 funktionale Analphabeten (so viele Leute, wie in Knittelfeld wohnen, wow) haben es immerhin bis in die vierte Klasse der Neuen Mittelschule oder sogar vom Gymnasium geschafft. Na ja, hätte man sie in der Volksschule einsperren sollen? Am besten so lange, bis sie eine passable Nacherzählung von "Die feuerrote Friederike" abgeliefert hätten (oder wenigstens vom "Kleinen Ich-bin-ich")? Amnesty International hätte sich doch sofort wieder aufgepudelt. Bildungspolitische Gefangene und so. Diese hätten allerdings vielleicht später wirklich eine Arbeit gefunden. Zumindest hätten sie die Stellenangebote lesen können. Lesen. Können.

Mit dem Lesen hab ich mir früher übrigens selber schwergetan. Und jetzt weiß ich auch endlich warum. Meine Eltern waren schuld. Sicher weil sie daheim mit mir nicht deutsch geredet haben, sondern in ihrer exotischen Muttersprache. (Kärntnerisch.) Nein, weil sie maximal einen Pflichtschulabschluss gehabt haben. Und 38 Prozent der Kinder aus bildungsfernen Familien können noch mit 14 nicht gscheit lesen oder schreiben. Das ist grad bei diesem Bildungsstandardtest rausgekommen, wo man sämtliche 73.000 Schüler der achten Schulstufe in Deutsch geprüft hat. Äh, ist die Wahrscheinlichkeit, es doch irgendwie bis 14 hinzukriegen, nicht viel größer? (62 Prozent?) Ja eh. Meine Leseschwäche bin ich jedenfalls bereits mit sieben wieder losgeworden. Da hat man herausgefunden, dass ich . . . eine Brille brauch.


Ich will ja nicht angeben (höchstens ein bissl), aber ich bin sogar bis zur Matura gekommen, ohne . . . ach, zu kapieren, worum es in "Das kleine Ich-bin-ich" geht? So ähnlich. Nämlich ohne das Kleine Einmaleins. Gelernt hab ich’s natürlich schon, bloß gekonnt hab ich’s nachher nicht. Schlechte Mathematik-Gene. Und Bildung wird ja angeblich vererbt. Ist was Genetisches. (Woher, bitte, soll ich gute Deutsch-Gene haben? Ich bin in Kärnten geboren! Okay, meine Oma ist aus Deutschland.) Und heute? Rechne ich ohne Probleme. Solange der Akku durchhält. Vom Handy. Meinem Multifunktionsüberlebenswerkzeug. (Telefon, Kamera, Taschenrechner . . .) He, in einem Steckfach von meinem Samsung Galaxy Note 4 ist sogar ein Zahnstocher! Wie beim analogen Schweizermesser! (Oh, Tschuldigung, das ist der Touchpen.)

Wozu aufregen? Denn eigentlich ist ja überhaupt nicht jeder Sechste ein Risikoleser. Jeder Sechste war einer. Im Frühling 2016. Das hat man uns eben erst nach einem Jahr mitgeteilt. (Und inzwischen ist nur mehr jeder Siebente ein Risiko?) Außerdem wird sowieso bald keiner mehr lesen und schreiben können - müssen. Nun, wo Tablets die Schulhefte ersetzen. Spracheingabe, Rechtschreibprüfung, Vorleseprogramme . . . In ein, zwei Generationen werden sich die Menschen beim Hantieren mit einem Kuli so blöd anstellen wie ich beim Essen mit Stäbchen. Und durch das dauernde Herumwischen auf einem Display verkümmert irgendwann die Feinmotorik fürs Umblättern einer Seite. Tja, das ist wohl das Ende. Von jeglicher Kultur? Ja, oder jetzt von diesem Text.




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Dokument erstellt am 2017-03-30 16:15:07



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