• vom 20.04.2017, 15:01 Uhr

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Kunstsinnig

Die Mutter aller roten Linien (und die Großmutter)




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Wie viele rote Linien darf Recep Tayyip Erdogan noch überschreiten, bevor die EU ihn aufgibt? Zwei. (Ach, wieso so knausrig? Drei! Mindestens.)



Da werden sich ein paar Leute aber riesig gefreut haben. Okay, der Erdogan wohl ein bissl weniger riesig. Dem muss der Ausgang seines Referendums ja irrsinnig peinlich gewesen sein. Dass er nämlich nur schlappe 51,4 Prozent gekriegt hat. Und das nach diesem ganzen Aufwand. Nachdem er Zigtausende, die mit "Hayir" (Nein) hätten stimmen können (Oppositionspolitiker zum Beispiel, kritische Journalisten . . .), verhaften hatte lassen. Und den andern eingebläut hatte, dass jeder, der nicht für ihn ist, ein Terrorist ist.

Grund für eine Siegesfeier hatten natürlich bloß die eigentlichen Gewinner. Die Meinungsforscher? (Schließlich haben sie das knappe Ergebnis richtig prognostiziert, sind somit wieder völlig rehabilitiert.) Ja, die auch. Trotzdem hab ich unseren Außenminister gemeint, den Kurz, und den Bundeskanzler, den Kern. Die müssen endlich keine Angst mehr haben, dass die Türkei jemals der EU beitreten wird. Und die EU hat sowieso gewonnen. Weil sie die Beitrittsgespräche nun doch nicht abbrechen muss. Immerhin haben sich 48,6 Prozent gegen die Erdogan-Demokratie (die Mehrheit bin ich!) entschieden. Äh, warum verhandelt man über einen Beitritt, der vollkommen ausgeschlossen ist? Hat das was mit Quantenphysik zu tun? (Und wenn dieser Yildirim, der türkische Premier, glaubt, er würde jetzt, wo er arbeitslos ist, EU-Kommissionspräsident werden, ist das sein Problem. Nicht dem Jean-Claude Juncker seins.) Dass fast die Hälfte nicht "Evet" (Ja) zur Diktatur sagt, beweist jedenfalls: Die Strategie der EU geht auf. Die Dialogbereitschaft bringt’s echt. Und die EU-Heranführungshilfe war nicht total umsonst. (Eh nicht, die hat Milliarden gekostet.) Sonst wäre die Zustimmung bei 98 Prozent gelegen. Blieben immer noch zwei Prozent, also von den 55,3 Millionen Wahlberechtigten, die der Sultan nach Lust und Laune als Sympathisanten der Putschisten einsperren kann. Rund eine Million Menschen!

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Und wenn er tatsächlich die Todesstrafe einführt? Grad erst hat die EU klargestellt, dass das "die röteste aller roten Linien" wäre. Dagegen waren die davor blassrosa. Na ja, die Taktik, dem Beitrittskandidaten dauernd irgendeine Linie vor die Füße zu spannen (und darauf zu lauern, dass er beim Drübersteigen stolpert und alle was zum Lachen haben?), hat sich eventuell nicht ganz so gut bewährt. Blöd halt, wenn der denkt, das wäre die Ziellinie. Wieso so negativ? Warten wir erst einmal ab, bis einer zum Tode verurteilt wird. (Die Mutter aller roten Linien!) Dann können wir die Verhandlungen immer noch beenden. He, nix überstürzen. Ernst wird’s allerdings, und das sollten wir dem Erdogan in aller Deutlichkeit kommunizieren, wenn die erste Ehebrecherin gesteinigt wird. (Die Großmutter aller roten Linien!) Ach, einmal ist keinmal. Aber danach ist endgültig Schluss, gell?

Ich hätte da eine geniale Idee für den Weltfrieden: EU-Beitrittsgespräche mit Nordkorea! Und wenn der Kim Jong-un nicht aufhört, Atomraketen auf seine Nachbarn zu richten oder seine Verwandten abzumurksen . . . wehe! (Ist überhaupt noch irgendwer mit ihm verwandt?) Und dem IS stellen wir die Visafreiheit für seine Dschihadisten in Aussicht und machen einen Flüchtlingsdeal: Für jeden syrischen Flüchtling, den er zurücknimmt, darf er uns einen Attentäter schicken. Oder umgekehrt?




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Dokument erstellt am 2017-04-20 15:06:07



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