• vom 21.04.2017, 18:00 Uhr

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Leuchtende Mumien




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Von Mario Rausch


    Es sei "der zierlichste Anblick der Welt", meinte der italienische Reiseschriftsteller Pietro della Valle, als er im Jahr 1615 erstmals ein ägyptisches Mumienportrait beschrieb. Mittlerweile befinden sich über tausend solcher Kunstwerke in Museen und Sammlungen auf der ganzen Welt. Dies ist nicht zuletzt dem in Wien ansässigen Teppich- und Antiquitätenhändler Theodor Graf zu verdanken, der in den 1880er Jahren in Ägypten nach Altertümern suchte, um diese an Sammler weiterzuverkaufen. 1887 erwarb er über 300 Mumienpor-traits. Einen Teil davon zeigte er auf Verkaufsausstellungen in Europa und den USA, der Rest wurde nach seinem Tode von seinen Erben verkauft. So wurde er zur Hauptquelle von Mumienportraits in den Museen der Welt.

    Die Sitte, Leichen zu mumifizieren, hatte im alten Ägypten eine Jahrtausende lange Tradition: Man barg die Toten häufig in einer Umhüllung aus Pappmaschee und deckte ihr Gesicht mit einer Mumienmaske ab. In römischer Zeit wurde statt einer solchen Maske eine Holztafel in die Mumienhülle miteingewickelt, auf die das Portrait des Verstorbenen gemalt war.

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    Viele Mumienportraits, die in der Zeit vom 1. bis ins frühe 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden sind, zeichnen sich durch intensive Farben, subtile Schattierungen wie eine große Lebensnähe und Lebendigkeit aus. Man sieht den Dargestellten bisweilen wie in einer lebensechten Photographie vor sich. Das liegt u.a. an der Leuchtkraft der in "enkaustischer" Technik aufgetragenen Wachsfarben: Der Maler erhitzte sie vor dem Auftragen auf den Bildträger. Altägyptische Tradi-
    tion, wie die Weiterverwendung der Mumifizierung und die Verwendung ägyptischer Themen als Dekoration der Mumie, wurde kombiniert mit römischen Elementen, nämlich der naturalistischen Darstellung des Verstorbenen in Alltagskleidung und mit Schmuck. Die Bilder lassen sich sehr gut mit römischen Marmorportraits vergleichen und können - besonders die Frauenbildnisse - von Spezialisten nach den jeweiligen "Modefrisuren" datiert werden.

    In der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien befinden sich zehn solcher Tafeln. Mit diesen nimmt das KHM unter Leitung der Restauratorin Bettina Vak an einer internationalen Plattform zur Erforschung und Untersuchung der Portraits teil. Das Projekt "Ap-
    pear"
    (für "Ancient Panel Painting: Examination, Analysis and Research") wurde 2013 vom Department of Antiquities Conservation des J.-Paul-Getty-Museums in Los Angeles initiiert und läuft noch bis 2018.

    Mario Rausch, geboren 1970, studierte Klassische Archäologie/ Alte Geschichte und lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-04-20 17:18:19
    Letzte ─nderung am 2017-04-20 17:21:10



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