• vom 28.04.2017, 18:16 Uhr

Glossen

Update: 29.04.2017, 11:47 Uhr

Glossenhauer

Was ist daran kurios?




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Es gibt Worte, die sagen nichts - und sprechen Bände.

Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair.

Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair. Severin Groebner ist Kabarettist und Mitbegründer der letzten Wiener Lesebühne. Sein neues Programm "Der Abendgang des Unterlands" spielt er von 5. bis 7. Oktober im Kabarett Niedermair.

Solange man aus Blätterwald, Radio, Fernsehen oder Internet ein "sensationell", "Wahnsinn!", "erschütternd", "sexy" oder "exklusiv" vernehmen kann, weiß der gelernte Medienreduzent: Es ist alles gut und alles an seinem Platz. Der Herausgeber/Intendant/Provider ist zufrieden, die Mädchen sind blond, die Burschen resch, die Berge schön, der Muslim gefährlich, der Ball rund, und der Regen kommt - wie alles vom Herrgott - von oben. Passt. Hollaredulihallelujaprost!

Tauchen aber plötzlich Begriffe wie "absurd", "grotesk" oder "kurios" auf, wird es interessant. Denn die stehen für die Orientierungslosigkeit des Redakteurs. Der weiß selbst nicht, wie er mit der Meldung umgehen soll; wo, wie und warum dieser Sachverhalt einzuordnen ist.

So geschehen nun beim Fall eines deutschen Bundeswehrleutnants, der sich als Asylwerber ausgegeben, unberechtigterweise finanzielle Hilfe bezogen und nebenbei eine geladene Schusswaffe am Wiener Flughafen versteckt hat. Die
zuständige Staatsanwaltschaft Frankfurt geht davon aus, dass er ideologisch dem rechtsextremen Milieu zuzuordnen ist und einen Terroranschlag plante. Letzteres womöglich, um die Tat anschließend einem Geflüchteten in die Schuhe zu schieben. Und diese unappetitliche, braune Raubersg’schicht wird "kurios" genannt.

Was bitte ist daran "kurios"? Wenn das "kurios" ist, was sind dann die NSU-Morde? "Schräg"? Oder "verblüffend"? Oder "crazy"? Und wenn die rechtsextremen Gewalttaten und Delikte - wie soeben verkündet - schon wieder einen neuen Höhepunkt erreichen, was ist das dann? "Merkwürdig"? "Freaky"? Oder sogar "oag"? Und das Dritte Reich, was war das in dieser Diktion? Der "Braunauer Fasching"? Das "totalabgedrehte Reisebüro mit einem verrückten Oberösterreicher"? Ein "Hoppala"?

Dass sich die FPÖ bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit dagegen wehrt, dass ihre Busenfreundin Marine Le Pen als rechtsextrem bezeichnet wird, ergibt ja wenigstens noch taktisch Sinn. Denn wer mit Rechtsextremen befreundet ist und deren Meinung teilt, ist meistens . . . na, was? Genau: eine "soziale Heimatpartei". Ein Begriff, der auch auf Plakaten der deutschen - rechtsextremen - NPD zu finden ist.

Aber warum machen da eigentlich alle mit? Haben wir die großen "Aus Braun mach Weiß"-Wochen? Warum heißt es eigentlich "Flüchtlingskrise", wenn es doch eigentlich eine "Humanitätskrise" ist? Hat Europa ein Demokratiedefizit oder nicht doch einen Faschismusüberschuss? Und wo ist genau der Unterschied zwischen "Sicherheitslage" und "Paranoiastand"?

Vielleicht muss man aber tiefer gehen. So kommt ja das Wort "kurios" vom Lateinischen "curiositas". Also Neugier. Und vielleicht sollte man also neugierig sein, wenn ein deutscher Bundeswehrleutnant - laut Ö1-"Mittagjournal" - einen Offiziersball in Wien besucht. Und am Tag des Akademikerballs schon wieder kommt. Vielleicht sollte man da neugierig sein, Fragen stellen. Journalisten können so etwas.

Wenn sie nicht gerade die "erschütternde sexy Story über den Wahnsinnsmuslim und die blonde Kathi in Gottes freier Natur" schreiben müssen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-28 18:15:06
Letzte ─nderung am 2017-04-29 11:47:10



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