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Update: 20.06.2017, 13:30 Uhr

Sedlaczek

Dem Volk aufs Maul schauen




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Martin Luther war nicht nur Urheber der Reformation. Mit seiner Bibelübersetzung ebnete er den Weg für ein einheitliches Deutsch.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Vor fünfhundert Jahren schlug der Theologieprofessor Dr. Martin Luther seine Thesen am Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg an - nach neuesten Forschungen dürfte es sich nicht um eine Legende handeln, wiewohl der Inhalt seiner Thesen zweifellos schon in den Monaten zuvor bekannt gewesen war. Fünf Jahre später erschien in einer Auflage von rund 3.000 Stück seine Übersetzung des Neuen Testaments - und war sofort ausverkauft. Eine komplette Bibelübersetzung sollte folgen.

Im Jubiläumsjahr der Reformation wurde schon viel über Luther geschrieben, aber nur wenig über seinen Einfluss auf die Sprache. Als die Übersetzungen erschienen, gab es zwar einen römisch-deutschen Kaiser, aber keine gemeinsame Sprache in seinem Reich. Die Gesellschaft war mündlich organisiert. Wer etwas schriftlich festhalten wollte, bediente sich der lateinischen Sprache - dies galt für alle Rechtsgeschäfte und für theologische Themen.


Neben den zahllosen Dialekten zerfiel der deutsche Sprachraum grob gesprochen in zwei Sprachgebiete: Niederdeutsch im Norden und Oberdeutsch im Süden. Aber die Sprecher des Oberdeutschen konnten sich mit den Sprechern des Niederdeutschen nicht verständigen. Die Sprachen waren ungefähr so weit voneinander entfernt wie heute das Deutsche vom Niederländischen.

Luther kam zugute, dass er an der Schnittstelle dieser zwei Sprachgebiete aufwuchs. Seine Sprache war das Ostmitteldeutsche, bei der Bibelübersetzung orientierte er sich an der meißnisch-sächsischen Verwaltungssprache. Er wollte sowohl im oberdeutschen als auch im niederdeutschen Gebiet verstanden werden, außerdem lag ihm viel daran, dass auch das einfache Volk mit seiner Übersetzung etwas anfangen konnte. "Dem Volk aufs Maul schauen" war sein Motto - Maul war damals der normale Ausdruck für Mund. Gemeint war: So kommunizieren, dass dich jeder versteht. Und nicht wie das Zitat heute oft missinterpretiert wird: dem Volk nach dem Mund reden, also die mehrheitlich vorherrschende Gesinnung übernehmen.

Luther bemühte sich um eine Ausdrucksweise, die auch in Predigten wirkt, also gesprochen. Zwangsläufig musste er sich oft zwischen einem niederdeutschen und einem oberdeutschen Wort entscheiden. Er verwendete beispielsweise das seltene und nur im Norden gebräuchliche Wort Lippe und negierte das im Süden übliche Wort Lefze - mit dem Ergebnis, dass wir heute Lippe beim Menschen und Lefze nur noch bei Tieren verwenden. Im Norden musste man sich an Schwanz statt Zagel gewöhnen.

Der Reformator fügte außerdem die vor allem im Oberdeutschen ausgefallenen e-Endungen wieder an. So hieß es beispielsweise im Oberdeutschen: "Ich glaub, dass Gott meine Bitt voll Gnad annehm." Das "Luther-e" bei Substantiven und Verben ist in die Standardsprache eingegangen, auch bei uns. Aber in der gesprochenen Sprache und vor allem in den Dialekten verzichten wir auf das -e.

Luther scheiterte übrigens in seinem Bemühen, überall verstanden zu werden. Im Süden erschienen Übersetzungshefte zu seiner Bibel. Dort konnte man unbekannte Wörter nachschlagen, zum Beispiel Träne statt Zähre und Hügel satt Bühel. Erst viel später wurde Luthers Sprache Allgemeingut.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-02 17:00:09
Letzte ─nderung am 2017-06-20 13:30:59



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