• vom 07.05.2017, 11:00 Uhr

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Fäkaldeutsch-Jahr




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    In Deutschland ist Lutherjahr. Weil der feiste Mönch vor 500 Jahren seine aufrührerischen Thesen an eine Kirchentür nagelte, sind wir heuer einem wahren Lutherfeuerwerk ausgesetzt (das dem frommen Katholiken eher als Bombardement erscheint). Luther-Ausstellungen, Biographien en masse, ein Pop-Oratorium, eine Playmobilfigur (die zum Bestseller avancierte), Lutherbier (natürlich Doppelbock), Kondome mit Luther- Sprüchen ("Hier stehe ich, ich kann nicht anders" - die Aktion wurde leider inzwischen gestoppt) - nichts und niemand scheint in diesem fußballgroßereignislosen Jahr vor dem Reformator sicher zu sein. Selbst Wien, Hochburg des katholischen Glaubens, sei im 16. Jahrhundert überwiegend protestantisch gewesen, will uns das Wien Museum glauben machen.

    Nun war Luther bekanntlich nicht nur ein Glaubensrevoluzzer, sondern auch ein sprachgewaltiger Bibelübersetzer und Redensarten-in-die-Welt-Setzer. Den meisten Menschen fällt zum Mann aus Wittenberg noch vor den Thesen wahrscheinlich eine seiner Sentenzen ein: "Warum rülpset und furzet Ihr nicht? Hat es Euch nicht geschmecket?" Oder: "Aus einem verzagten Arsch fährt niemals ein fröhlicher Furz." Wie der Sprichwort-Papst Rolf-Bernhard Essig im "extra" der "Wiener Zeitung" jüngst nachgewiesen hat, stammen diese derben Sprüche zwar gar nicht von Luther, sind aber im kollektiven Gedächtnis quasi unauflöslich mit ihm verbunden. Man könnte auch sagen: Luther-deutsch ist Fäkaldeutsch!

    Auf dem Buchmarkt wimmelt es heuer nur so vor "expliziten" Titeln - sprachliche Dezenz war offenbar gestern . . .

    Auf dem Buchmarkt wimmelt es heuer nur so vor "expliziten" Titeln - sprachliche Dezenz war offenbar gestern . . . Auf dem Buchmarkt wimmelt es heuer nur so vor "expliziten" Titeln - sprachliche Dezenz war offenbar gestern . . .

    Mein Eindruck ist: Im Jahr des Reformators fallen hier alle Hemmungen. Mag die "Bild"-Zeitung (der kleine deutsche Bruder der "Krone") auch noch verklemmt-brav das Sch-Wort vermeiden ("Schießerei um Sch . . .", titelte sie jüngst einmal, es ging um Hundehaufen), so scheint es anderswo kaum mehr ein Halten zu geben.


    Auf dem Buchmarkt wimmelt es nur so vor "expliziten" Titeln: "Am Arsch vorbei geht auch ein Weg" heißt der neueste Bestseller zum Thema Stressabbau (zu dem es im Übrigen auch ein Ausmalbuch gibt; keine Ahnung, was da ausgemalt wird . . .). Und weiter: "Einen Scheiß muss ich", "Die Kunst des darauf Scheißens", "Einfach mal FUCK sagen" - sprachliche Dezenz war offenbar gestern.

    Fast aus dem Stuhl gekippt bin ich allerdings jüngst, als die Spitzenkandidatin der deutschen Grünen, Katrin Göring-Eckardt, lapidar meinte, die Themen ihrer Partei seien im Moment wohl nicht "der heiße Scheiß der Republik". Luther’sche Worte aus dem Mund einer offiziellen "Botschafterin des Reformationsjubiläums"! Gut, dass dieser Spuk in acht Monaten vorbei ist. 2018 feiern wir dann den 200. Geburtstag von Karl Marx. Sprachliche Ausfälligkeiten sind da zum Glück nicht zu erwarten.




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    Dokument erstellt am 2017-05-05 16:39:16



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