• vom 11.05.2017, 16:50 Uhr

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Kunstsinnig

Und jetzt wird gesteinigt




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Leben wir gar nimmer in der Neuzeit? Sind wir längst in der nächsten Epoche der Menschheitsgeschichte angekommen? In der Steinzeit 2.0?



Diese Steinigungen im öffentlichen Raum nerven mich schön langsam. (Wieso? Wo sollten sie denn stattfinden? Im Wohnzimmer von der Maria Vassilakou? - Ja. Zum Beispiel.)

Nicht, dass ich so was generell ablehnen würde. Auf dem Stephansplatz hab ich natürlich kein Problem damit. Dort hätte man die Steinigung außerdem nicht länger hinauszögern können. Nachdem die letzte bereits Jahrzehnte her ist. Ich bin sogar hingegangen, um zuzuschauen. Aus Neugier. Und war dann ziemlich enttäuscht. Dieselben Einheitssteine wie überall sonst in der Stadt. Total fade Show. Hat inzwischen eh jeder mitgekriegt, dass es hier nicht um die "schleichende Islamisierung" und um Ehebrecherinnen geht, oder? Sondern um Begegnungszonen. Hm. Welche Straße wird wohl als Nächstes gesteinigt? (Die Lange Gasse. Ein bissl. Eventuell.) Die werden noch ganz Wien in die Steinzeit zurückpflastern. Steinzeit 2.0 - jetzt noch steiniger.

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Abgesehen davon, dass die effektivste Form der Verkehrsberuhigung sowieso die Baustelle ist (und derzeit testet man in einem groß angelegten Feldversuch obendrein noch die umstrittene Methode, einfach die Zahl der Mindestsicherungsbezieher drastisch zu erhöhen, weil die müssen bekanntlich ihr Auto verkaufen), beruhigt es mich persönlich eigentlich nicht besonders, wenn jemand sämtliche Verkehrsschilder abmontiert und die Gehsteige plötzlich futsch sind. Und die Verkehrsteilnehmer selber den Verkehr regeln. Aha, antiautoritäre Verkehrserziehung.

Eine Begegnungszone ist halt wie diese Vertrauensübung, wo man sich nach hinten fallen lässt und hofft, dass bei dem, der mit offenen Armen hinter einem steht, nicht grad dann das Handy läutet. Nur dass einen in der Bezo höchstens eine Motorhaube auffängt. Ich will aber nicht darauf vertrauen, dass das Auto freiwillig anhält. Ich will Ampeln! Zebrastreifen! (Auch wenn ich Letztere höchst ungern benutze. Na ja, Querstreifen machen dick.) He, ich bin eine Fußgängerin. Ich gehöre also nicht zur dominanten Spezies. Sind das überhaupt noch die Autofahrer? Oder war für diese die Ernennung von der Vassilakou zur Verkehrsstadträtin ein kosmisches Ereignis wie für die Dinosaurier der Einschlag des Meteoriten? Jedenfalls bin ich definitiv für getrennte Reviere im Straßenverkehr. Und für hohe Gehsteigkanten.

Ja gut, eine Bezo ist eine pädagogische Maßnahme. Zur Verbesserung der Gesellschaft. Operation "Grenzenlose Nächstenliebe, Weltfrieden und so". Man wird für die Bedürfnisse des Stärkeren, Tschuldigung: des anderen sensibilisiert und lernt, dass man sich gegenseitig mit Respekt begegnen muss. Dabei trainiert man übrigens auch wunderbar die Reflexe. (Beim Ausweichen.) Eine typische Szene: Autofahrer bremst einfühlsam. Fußgänger winkt ihn freundlich weiter. Autofahrer wird insistierender und betätigt die Lichthupe. Fußgänger bleibt stur. Bis die Höflichkeit eskaliert und der Lenker aussteigt. Und versucht, den renitenten Passanten, der mittlerweile sogar begonnen hat, den Wagen anzuschieben, auf die andere Straßenseite zu zerren.

Okay, so viel Rücksicht nimmt man auf der Mariahilfer Straße vielleicht nicht pausenlos aufeinander. Trotzdem. Die Große Koalition sollte schleunigst einen Betriebsausflug dorthin unternehmen. Das ist das Einzige, was sie noch retten kann. (Na super. Es gibt bald Neuwahlen.)




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Dokument erstellt am 2017-05-11 16:57:03



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