• vom 14.05.2017, 11:00 Uhr

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Bruch mit der Konvention




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Von Holger Rust


    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist, Professor für Soziologie in Hannover - und Krawattenträger.

    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist, Professor für Soziologie in Hannover - und Krawattenträger. Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist, Professor für Soziologie in Hannover - und Krawattenträger.

    Da sich diese Kolumne vor allem mit Dingen beschäftigt, die auf den ersten Blick überhaupt keine Bedeutung haben, soll heute einmal etwas außerordentlich Bedeutsames analysiert werden, etwas, das zunächst kaum auffiel, nun aber grassiert und offensichtlich mit großer Bedeutung aufgeladen wird. Was dazu verleitet, dieser Bedeutung eine Bedeutung abzuringen - der Tatsache nämlich, dass Manager und immer häufiger auch Politiker sowie andere Figuren der Öffentlichkeit bei ihren Auftritten die Krawatten weglassen.

    Allerdings sieht es immer so aus, als hätten sie sich ihrer Krawatte gerade gewaltsam entledigt, um den Adressaten ihrer Auftritte Lässigkeit zu demonstrieren. Das geht leider meistens schief. Das Problem ist nämlich: Sie tragen weiterhin die üblichen Hemden, obwohl man Hemden, die dazu gedacht sind, mit Krawatte getragen zu werden, eben nicht unbedingt ohne Krawatte vorführen sollte, weil die Krägen dann aussehen wie ein ungemachtes Bett.


    Man kann das umso besser beobachten, als dieselben Protagonisten öffentlicher Auftritte neuerdings noch einer anderen Mode hinterherlaufen: im Wortsinn - nämlich vor ihrem 1,30-Minuten-Statement dynamisch durch die Szenerie zu traben. Abgesehen davon, dass diese Übung wirkt, als würde die siebzehnte Einstellung einer Probeaufnahme für eine belanglose Vorabendserie gedreht, geht dafür viel Zeit drauf, in der man auch etwas hätte sagen können. Aber ebenso wenig wie man glaubt, dem Publikum eine Krawatte zumuten zu können, hält man offensichtlich davon, ihm allzu viele Worte zuzumuten.

    Man sollte dem krawattenlosen Auftritt ebensoviel Beachtung gönnen wie dem Statement-Vorlauf, und zwar so, als sei der Bruch mit der Konvention eine Idee des Augenblicks, der eine neue Eleganz begründet.

    Genau das kann man nun von den meisten Protagonisten dieses acte gratuit kaum behaupten. Es schreit einen förmlich an: Hey, Leute, ich trage KEINE KRAWATTE! Man sieht ihnen die Mühe an, so zu erscheinen, als sei man mühelos von einem modischen Paradigma zum anderen übergangen. Wie auch immer: Das Hemd flattert um den Hals und vermittelt vor allem eines - Verkrampftheit.

    An der Sache tun sich allerdings zwei kleine, aber bedeutungsvolle, knirschende Widersprüche auf: Wer genau hinschaut, sieht, dass die meisten Künstler des Weglassens sich ein anderes Accessoire zu eigen gemacht haben: das Einstecktuch. Was zum zweiten, etwas heftigeren Widerspruch führt: Während westliche Manager ostentative Coolness pflegen und zwar Einstecktücher tragen, aber keine Krawatten mehr, sieht man die Delegierten des ZK der Chinesischen Kommunistischen Partei durchwegs mit Krawatten, aber ohne Einstecktücher.

    Ich bin mir sicher, dass dahinter eine Botschaft steckt. Doch haben unsere Wissenschafter sich dem Rätsel noch nicht gestellt. Vielleicht lockern sie mal den Windsorknoten und denken drüber nach.




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    Dokument erstellt am 2017-05-12 16:12:09



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