• vom 16.05.2017, 16:48 Uhr

Glossen

Update: 17.05.2017, 14:48 Uhr

Sedlaczek

Dem Volk aufs Maul schauen (2)




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • In Martin Luthers Bibelübersetzung finden sich viele innovative Redewendungen - wir verwenden sie noch heute.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka. Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Eben ist "Österreichisch fia Fuaßboifäns" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Zum 500-Jahre-Jubiläum der Reformation bin ich unlängst an dieser Stelle der Frage nachgegangen, wie Luther die Entwicklung der deutschen Sprache beeinflusst hat. Der Reformator war angesichts der großen Zahl von Dialekten innerhalb des deutschen Sprachraums um einen Ausgleich bemüht. Dadurch war er Wegbereiter einer Standardsprache. Der katholische Süden lehnte allerdings nicht nur Luthers Thesen ab, auch seine Rolle als Sprachreformer stieß auf wenig Gegenliebe. Deshalb hat sich bei uns im 16. und 17. Jahrhundert keine Standardsprache für die Allgemeinheit herausgebildet.

Erst mit Beginn der Aufklärung setzte sich auch in Österreich die Erkenntnis durch: Das Denken erfolgt mithilfe der Sprache - wo die Sprache schlecht und mangelhaft ist, dort kann nicht ordentlich gedacht werden, Wissenschaft und Wirtschaft stagnieren. Deshalb hat im 18. Jahrhundert Maria Theresia einen Sprachlehrer aus Thüringen ans Theresianum geholt, um den Schülern "gutes Deutsch" beizubringen. Andere Lehrer sind ihm gefolgt. Damit ist Luther doch noch zu Ehren gekommen. Viele Redewendungen, die heute für uns selbstverständlich sind, gehen auf Luther zurück, wie in dem "Duden"-Büchlein "Mit Feuereifer und Herzenslust" nachzulesen ist. So findet sich beispielsweise "mit Blindheit geschlagen" mehrfach in seiner Übersetzung des Alten Testaments. Dabei verwendete Luther das Wort Blindheit häufig dazu, um diejenigen zu kennzeichnen, die das Evangelium nicht verstanden haben. In früheren Zeiten erinnerte man sich wohl auch an barbarische Strafen wie das Blenden oder Ausstechen der Augen. Heute kann man wegen Liebe, Gier oder wegen seiner politischen Überzeugung mit Blindheit
geschlagen sein.

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Nicht einfach zu verstehen ist
"wider den Stachel löcken".
Natürlich denken wir an einen Ochsen, der ausschlägt, weil ihn der Bauer mit einem Stock antreibt, der mit einer eisernen Spitze versehen ist. Aber löcken? Es ist das gleiche Wort wie lecken. Es hatte früher eine Zusatzbedeutung: springen, hüpfen.

Rätsel gibt uns auch "das Licht nicht unter den Scheffel stellen" auf. Scheffel war im Mittelalter ein Hohlmaß, es handelt sich um eine Weiterbildung zu Schaff. Das Wort bezeichnet in erster Linie Wassergefäße und Schöpfgefäße. Die Form Schaffel würden wir besser verstehen als die Form Scheffel. Dann wäre auch die Redewendung leichter zu interpretieren. "Ihr seid das Licht der Welt", übersetzte Luther. "Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen."
In einer Revision des evangelischen Bibeltextes von 1975 ersetzte man Scheffel durch Eimer - was dieser Fassung des neuen Testaments die Bezeichnung "Eimertestament" einbrachte.
Auch Denkzettel, Sündenbock, Langmut, Lästermaul und Rotzlöffel gehen auf Luther zurück.

Ob Luther diese Ausdrücke und Wendungen nicht erfunden, sondern gefunden hat - als er dem Volk aufs Maul schaute -, ist in manchen Fällen nicht eindeutig zu klären. Aber selbst wenn er sie nur
gefunden hat, ist es sein Verdienst, dass sie bis zum heutigen Tag populär sind.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-16 16:54:07
Letzte ńnderung am 2017-05-17 14:48:04



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