Noch nie zuvor habe ich so viele Ratten gesehen wie in New York. Sie queren die Trottoirs, sie hocken in den Blumenbeeten vor den Hotels und bevölkern die Parkanlagen. Und am sichtbarsten sind sie in der U-Bahn. Dort fühlen sie sich anscheinend besonders wohl. Der Unrat der Fahrgäste ist ihr Festbuffet. Erst kurz bevor der Zug einfährt, beenden sie ihr Bankett und verschwinden in Ritzen und Winkeln.
Die New Yorker U-Bahn ist ein unappetitlicher und hässlicher Ort. Sie wäre es auch ohne Ratten. Dreckig, düster und desolat sind die Gänge und Wartezonen. Wände bröseln, Decken bröckeln, Leitungen liegen frei. Im Sommer ist es hier unten unerträglich heiß, weil die Klimaanlagen der Züge die warme Luft aus dem inneren der Waggons in die Stationen blasen. Der Lärm, den die Garnituren erzeugen, ist unerträglich. Alles wackelt, alles rumpelt. Starke Regenfälle setzen Teile des Netzes unter Wasser, weil die Pumpsysteme versagen. Die Waggons sind mit Werbungen und paranoiden Sprüchen zugekleistert: "If you see something, say something!"
Dennoch ist die die New Yorker U-Bahn ein guter Ort. Das mehr als hundert Jahre alte System, das die vier auf Inseln gelegenen Boroughs mit der auf dem Festland gelegenen Bronx verbindet, bringt nicht nur täglich knapp fünf Millionen Menschen von einem Ort zum anderen. Es ist ein Diener der Verzögerung, ein Freizeitgenerator, der die strebsame Metropole unterminiert und ihre Zweckmäßigkeit und Geschwindigkeit hintertreibt. Im Untergrund der Zehnmillionen-Stadt lädt die U-Bahn als ein fahrender Tempel zu Kontemplation ein. Selbst zu den Stoßzeiten, voll gestopft mit Menschen, gibt sie den Menschen Auszeit vom Alltag.
Schulter an Schulter, friedlich, vornübergebeugt oder zurück gelehnt, dämmern die Passagiere vor sich hin. Mit Stöpseln in den Ohren von den Geräuschen der Außenwelt abgekoppelt, in ihre eigene Klangwelt versunken. Einmal am Tag vor sich hindösen und nichts tun. Die U-Bahnfahrt wird zur Reise nach innen.
Broker und Bauarbeiter, Geschäftsmann und Intellektueller, Macho und Transvestit: Die U-Bahn macht keinen Unterschied, kennt weder Betriebsschluss noch Festtag. Selbst zu Halloween, dem Festtag kollektiver Maskerade und Spaßkultur, bleibt sie eine verlässliche Konstante. Während oben die Ungeheuer im "Village" wild und betrunken durch die Straßen toben, ergeben sie sich unten der Ruhe. Zombies mit blutunterlaufenen Augen, ein Tuntenzorro mit goldenem Hut und Degen, eine Vampirbraut mit verwischtem Makeup dämmern im Halbschlaf dahin.
Das Drehkreuz am Ausgang markiert auch das Ende der Langsamkeit. Draußen wartet zwischen Hupen und Sirenengeheul die Wirklichkeit und - rasch, rasch - der nächste Termin.
Matthias G. Bernold, geboren 1975 in Wien, studiert an der Columbia Graduate School of Journalism in New York City.
Zwei Tage vor dem Muttertag bestand meine Tochter die Prüfung zum Führerschein. Gleich danach, nämlich noch am selben Nachmittag...weiter