• vom 10.06.2017, 11:00 Uhr

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Aufstiegstraum




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Meine Frau ist Deutschlehrerin. Das ist an sich nun ja nichts Ungewöhnliches, Deutschlehrerinnen gibt es reichlich (vor allem im Bereich Deutsch als Fremdsprache, der fest in weiblicher Hand ist), und ihr Renommee hat im Zuge der Flüchtlingskrise noch einmal deutlich zugenommen. Stützen der Integration, einfühlsame Begleiterinnen auf dem Weg ins neue Leben, Sozialarbeiterinnen der Sprache - man kann inzwischen richtig stolz sein, mit einer gesellschaftlich so relevanten Person verheiratet zu sein. Sicher, es gibt mitunter auch Nachteile. Ein falscher Kasusgebrauch, ein verrutschter Konjunktiv I, schon wird man mit freundlicher Strenge korrigiert. Selbst in Frankreich muss ich es mir gefallen lassen, dass meine mangelhafte prononciation gerne berichtigt wird. "Ich weiß, dass das manchmal etwas schwierig ist, aber ich erlaube mir an dieser Stelle den Hinweis, dass . . ." So ungefähr hört sich das dann an.

    Seit Neuestem eröffnen sich allerdings ganz neue Perspektiven. Dazu muss ich vorausschicken, dass mein politisches Interesse seit jeher immer auch den Ehepartnern von Politikern und Staatsmännern galt. Danielle Mitterrand, Hannelore Kohl, Nancy Reagan, Prinz Philip - schon früh galt ihnen mein Augenmerk (bzw. Mitgefühl) genauso wie ihren mächtigen Gemahlen (seltener Gemahlinnen), und seit Michelle Obama hat sich das - offenbar nicht nur bei mir - geradezu zu einer Obsession entwickelt. Denke ich an Barack Obama, habe ich sofort seine Frau vor Augen. Insofern war ich förmlich elektrisiert, als in ersten Berichten über die neue Prèmiere Dame Frankreichs zu lesen war, sie sei einst die Deutschlehrerin des Präsidenten gewesen. Nun war sie, wie sich herausstellte, tatsächlich Lehrerin für Französisch und Latein, aber irgendwie ist Französischlehrerin in Frankreich ja dasselbe wie Deutschlehrerin hierzulande.


    Immerhin unterrichtet die (ebenfalls ganz bezaubernde) Frau des polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda nachweislich Deutsch. Und auch Ljudmila Alexandrowna Putina gab ein paar Jahre lang in Sankt Petersburg Deutschunterricht. Leider hat sich Wladimir Putin 2013 von ihr getrennt, und ich bin mir fast sicher, dass seine autokratischen Neigungen erst seitdem so richtig zum Ausbruch kamen. Ob er ein Jahr später die Krim annektiert hätte, wenn die Ehe nicht in die Brüche gegangen wäre? Manchmal kann Weltpolitik so einfach sein . . .

    Was ich damit sagen will: Als Gatte einer Deutschlehrerin träume ich jetzt manchmal davon, in gehobene Staatsämter aufzusteigen. Und umjubelte Reden zu halten, in denen jedes Präteritum, jeder Plural, jeder Konjunktiv stimmt. Ach, wäre das schön!




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    Dokument erstellt am 2017-06-08 18:32:06



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