• vom 18.06.2017, 11:00 Uhr

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Nummern des Lebens




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Von Holger Rust


    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover. Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Einundvierzig, das war gestern beim Essen. Dann erinnere ich mich an die achtundzwanzig. Aber da bin ich wieder rausgegangen, da war es zu voll, sechzehn Leute vor mir! Was nun mit der 28 passiert ist, weiß ich natürlich nicht, ich habe sie weggeworfen, wird wohl eine Lücke im System entstanden sein. Mit der zweihundertzwölf hatte ich dann später mehr Glück, Knopfdruck, ein paar Minuten warten: Die 212 bitte! Also um genau zu sein, das "bitte" habe ich jetzt dazugedichtet, es stand natürlich nur in roten Ziffern auf schwarzem Digitalhintergrund in eckigen Balkenkombinationen 2 1 2.

    Einundvierzig, 28, 212, alles an einem Tag, an dem mir klar wurde, dass es ein Unsinn ist, wenn sich wieder einmal einer dieser neun(!)malklugen Kulturpessimisten darüber auslässt, dass der Mensch in diesen Zeiten nichts als eine Nummer sei. Man sollte ja ohnehin sofort in den Alarm-Modus schalten, wenn jemand solche Zeitdiagnosen mit "der Mensch" und "in diesen Zeiten" einleitet (im Übrigen, wie ich gerade sehe, auch, wenn jemand das Wort "Modus" gebraucht).


    Um zum Thema zurückzukommen und die Sache zu präzisieren: Die 41 war die auf einem roten Papierschnitz aufgedruckte Nummer, mit der mich gestern beim Essen in einer dieser Systemgastronomieketten das Personal ausrief, um mir mitzuteilen, dass ich mein durch Vorauszahlung optiertes Essen abholen könne. So wusste jeder, ah, da kommt die Nummer 41.

    Das aber interessierte keinen. Die interessierten sich nur für ihre Nummern. Hunger macht selbstbezogen. Die 28 wurde mir dann durch den Automaten in einem Reisezentrum zugeteilt, wo ich eine Auskunft einzuholen gedachte. Da auf den Anzeigetafeln erst die 12 aufgerufen war und diese kleine Nummer mit einem offensichtlich hohen Informationsbedarf und einer nicht minder offensichtlichen Geschwätzigkeit den Laden noch eine Zeitlang blockieren würde, vernichtetet ich die Option. Es wird ihnen eine Lehre sein.

    Die 212, deren Herkunft hier nichts zur Sache tut, machte, was ihren unmittelbaren Zweck anging, keine Probleme. Vilemehr inspirierte sie mich zur philosophischen Betrachtung der Angelegenheit. Sie brachte mich darauf, dass der Mensch ganz und gar nicht eine Nummer ist - er ist eine ganze Zifferntafel. Was da in einer Woche zusammenkommt, führt zu existenziellen Fragen: Wer alles war in dieser Woche noch die 41, die 28 und die 212? Was machen Abergläubische, denen die Ziehung des Schicksals hintereinander die sieben, die dreizehn und noch eine Reihe weitere Primzahlen zuteilt?

    Lassen sich die Zahlen mit Hilfe der Numerologie als Schicksalshinweise deuten? Zum Beispiel durch Quersummenberechnungen? Und, was "der Mensch in diesen Zeiten" ja gerne überlegt: Gibt es Möglichkeiten der Zweitverwertung? Etwa als Lottozahlen? Das habe ich natürlich getestet. Abgesehen vom Problem, das die 212 aus dieser Sicht bereitete, kamen weder die 28 noch die 41 vor.




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    Dokument erstellt am 2017-06-14 17:56:05



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