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Update: 04.07.2017, 17:54 Uhr

Sprachschätze

Solange man noch die Wahl hat




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Von Hilde Weiss

  • Sprachschätze
  • Wir kennen viele Varianten von Ungehorsam und haben viele Ausdrücke dafür - ein zentrales Thema in unserer Kultur.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen. Hilde Weiss ist Journalistin und Übersetzerin. Veröffentlichungen auch in mehreren deutschen Zeitungen.

Ein kleiner etymologischer Aufstand zum Tag des Ungehorsams am 3. Juli: Das Aufmüpfige zum Beispiel, "das Aufmuffige", kommt, wie auch der Morgenmuffel, vom alten lautnachahmenden Verb muffeln für murren. Die Aufsässigkeit erinnert an das alte Verb aufsitzen für sich widersetzen. Und beim Störrischen, "starr wie ein Baumstumpf", hat man es mit dem alten Wort Storren für Baumstumpf zu tun, "der erstarrt ist". In jedem Fall: Ungehorsam, wobei den Gehorsam zu verweigern aus sprachlicher Sicht bedeutet, das Hören, auf jemand zu hören, zu verweigern. Auch das Gehören kommt vom Zuhören: Man hört auf das, was gesagt wird und richtet sich danach - auf jemand zu hören, wurde so zu ihm gehören, zuerst nur auf Personen bezogen. Von daher auch das Gehorchen und die Hörigkeit. Gehörig, "gehorchend".

Widerstand, "Entgegenstehen", leisten, das kommt wie das Leisten von Verzicht, Hilfe, Folge, Gesellschaft oder Vorschub von germanischen Wörtern für Fuß, Spur und für folgen, anfangs im Sinn von einer Spur folgen, nachspüren, dann ein Gebot befolgen, eng verwandt mit dem Schusterleisten, dem Gleis und dem Delirium, "dem Abweichen" (von der Furche, dem normalen Weg). Sich etwas leisten war ursprünglich, im 19. Jahrhundert, ein Studentenscherz. Verwandt ist das Leisten auch mit dem Lernen, "einer Spur folgen", dem Lehren, "auf die Spur bringen", und der List, "der Leistung", ursprünglich ein Wort für Wissen (über Jagd, Handwerk, Magie, Kampf).

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Ungehorsam ist vielseitig: Unartig heißt "von schlechter Art". Beim Ungebärdigen, "dem schlechten Gebaren", hat man es mit dem germanischen Verb bera für tragen, bringen, hervorbringen zu tun, wie auch bei der Bürde, "die man zu tragen hat", den Entbehrungen, "was man nicht trägt" (nicht hat), beim Gebären, "dem Austragen", und dem Furchtbaren, "das Furcht trägt".

Rebellieren, vom lateinischen Verb rebellare für sich auflehnen, heißt, den Krieg (bellum) zu erneuern. Revoltierend - vom lateinischen Verb revolvere für umwälzen, zurückrollen. Und das Aufrührerische geht auf eine indoeuropäische Wurzel für mischen zurück.

Die Widerspenstigkeit kommt vom Spannen - vom mittelhochdeutschen Wort span für Spannung, Streit, eng verwandt mit dem Abspenstigmachen und dem Spinnen, "Fäden spannen". Das Unfügsame kommt vom Fügen und dieses vom Zusammenfügen, das zur Bedeutung passend führte und später zum Schicklichen. Fügsam bedeutete ursprünglich schicklich, dann erst sich unterordnend. Und unter gefügig verstand man von feiner Sitte.

Ganz anders das Bockige, bockbeinig, wenn man keinen Bock hat, was sich so erklärt, dass Bock ursprünglich ein Ausdruck für Ziegenbock war und dieser als störrisch galt. Dickköpfig nannte man ursprünglich Tiere mit "dickem", rundem Kopf.

Das Eigenwillige, "nach eigener Wahl", besteht aus einem germanischen Verb für haben, besitzen und einer indoeuropäischen Wurzel für wählen, verwandt mit dem Willkommenen, "nach Wunsch gekommen", und dem Unwillkürlichen, "nicht nach eigenem Wunsch gewählt". Und eigensinnig heißt "nach eigener Wahrnehmung", wobei man unter Sinn ursprünglich Gang, Weg, Reise verstand, eng verwandt mit dem Senden, "auf die Reise schicken".




Schlagwörter

Sprachschätze, Etymologie

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-26 15:35:07
Letzte ─nderung am 2017-07-04 17:54:06



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